Die Instinctotherapie

Nicole Freialdenhoven
Nicole Freialdenhoven

Ein Artikel von Nicole Freialdenhoven

Die Instinctotherapie ist eine Rohkostlehre, die der 1934 in der Schweiz geborene Guy-Claude Burger entwickelte, nachdem bei ihm Krebs festgestellt wurde. Wie andere Rohköstler kam auch er zu der Überzeugung, dass sich der Mensch zu weit von seiner natürlichen Lebens- und Ernährungsweise entfernt habe, indem er gekochte und verarbeitete Nahrung zu sich nehme. Er setzte dabei jedoch anders als Konz oder Wandmaker weniger auf dogmatische Vorschriften, was erlaubt sei und was nicht, sondern eher auf den menschlichen Instinkt, der auch heute noch nicht verloren, sondern allenfalls verschüttet ist.

Burgers Theorien basierten u.a. auf den Beobachtungen der Kinderärztin und Ernährungswissenschaftlerin Clara M. Davis, die bereits 1928 eine Studie mit Kleinkindern durchführte. Sie wollte wissen, ob die Kinder, die nach dem Abstillen noch keine Erfahrungen mit fester Nahrung hatten, instinktiv zu den "richtigen" Lebensmitteln greifen würden, mit denen sie ihren Kalorienbedarf stillen konnten und ob sie sich eher vegetarisch, omnivorisch (Alles essend) oder karnivorisch (Fleisch essend) ernähren würden. Dabei stellte sich heraus, dass die Kinder instinktiv zu unterschiedlichen Lebensmitteln griffen, aber keines von ihnen unter- oder übergewichtig wurde, und dass sich bei allen Kindern das Skelett und die Muskulatur gesund entwickelten.

Der menschliche Körper weiß, was er will

Burgers Credo beruht darauf, dass der Körper von selbst weiß, was er jetzt gerade benötigt. Der Geruchs- und Geschmackssinn unterstützen ihn dabei. Genuss und Bedarf für den Körper bilden eine Einheit. Schädliche Nahrungsmittel werden dabei instinktiv zurück gewiesen. Darin ähnelt der Mensch den Tieren, die instinktiv giftige Pflanzen in der Natur erkennen und diese nicht fressen.

Problematisch wird es mit der instinktiven Erkennung, wenn wir auf Nahrungsmittel stoßen, die auf verschiedene Art verändert bzw. denaturiert wurden oder wenn wir würzen und mischen. An erster Stelle ist dabei das Erhitzen (Kochen und Braten) von Speisen zu nennen, aber auch das Einfrieren oder mechanische Veränderungen. Mit solchen Produkten kann der Instinkt nicht mehr korrekt funktionieren und wird getäuscht. Allein der massive Einsatz von Zucker in der Nahrungsmittelindustrie führt dazu, dass wir viele Produkte essen, die wir im ursprünglichen Zustand nicht oder nicht in dieser Menge verzehren würden.

Auf möglichst ursprüngliche Produkte wird außerdem großen Wert gelegt. Abzulehnen sind Kunstdünger, Pestizide und andere künstliche Hilfsmittel zur Nahrungsgewinnung. Ebenso abgelehnt wird der Gebrauch von Tiermilch und allen Milchprodukten.

Anders als andere Rohkostlehren wie die UrKost und die Sonnenkost ist die Instinctotherapie jedoch nicht vegan. Rohes Fleisch oder roher Fisch ist durchaus erlaubt, wenn der Instinkt mitspielt. Auch Imkereiprodukte wie Honig und Getreide (außer Weizen, der als überzüchtet gilt) sind erlaubt, so dass die Instinctotherapie weit weniger radikal ausfällt als andere Rohkostrichtungen und daher auch nicht so leicht zu Mangelerscheinungen führt. Die Instinctotherapie lässt sich dagegen etwas mit der sogenannten Paleodiät vergleichen, bei der auf eine "steinzeitliche" Ernährung mit damals bekannten Nahrungsmitteln gesetzt wird. Allerdings darf Fleisch und Fisch bei der Paleodiät erhitzt werden. Mit anderen Rohkostrichtungen hat die Instinctotherapie jedoch die Ansicht gemeinsam, dass der Körper durch die gesunde unverarbeitete Kost entschlacken und sich von Giftstoffen frei machen kann.

Auf dem täglichen Speiseplan stehen bei der Instincto-Ernährung Mittags vor allem frisches Obst jeder Art, während abends der Schwerpunkt auf Gemüse oder eiweißhaltigen Produkten liegt. Zu letzteren gehören z.B. Nüsse, Avocados oder Algen. Fleisch oder Fisch sind nicht tabu, werden vom Instinkt aber i.d.R. auch nur selten ausgewählt. Burger prägte einmal den Satz: Die Instinctos sind eigentlich die größten Vegetarier, weil sie weniger tierische Produkte essen, als die meisten Vegetarier bei ihren Ausnahmen.

Dazu darf bei der Instincto-Rohkost viel Wasser getrunken werden. Burgers Lehre legt außerdem auch viel Wert darauf, die einzelnen Früchte nicht zu vermischen, damit jede Obstsorte von Körper ganz bewusst ausgewählt und genossen werden kann. Statt gemischtem Obstsalat sollte also lieber nur eine einzige Frucht gegessen werden, bis der Körper signalisiert, dass er von dieser Sorte genug hat.

Wer die Instincto-Ernährung wirklich einmal einige Zeit lang ausprobiert und nicht schon an Vorurteilen (z.B. zum nicht-vegetarischen Ansatz) scheitert, kann ganz erstaunliche Erfahrungen mit seinem Körper machen. Eine Möglichkeit für dieses Kennenlernen wäre zum Beispiel das Rohkost-Wandern mit Bernd Bieder. Eine Woche Rohkost instinktiv genießen, und die traumhafte Landschaft dazu.

Buch Empfehlung: Bernd Bieder, "Natürlich leben und genießen"