Familienaufstellung und Ahnenritual

Henner Ritter
Henner Ritter

Ein Artikel von Henner Ritter

Familie und Sippe sind für jeden Menschen ‘die sozialen Urgestalten’. Bewusst und unbewusst bestimmt das Geflecht der nahen biologischen Verwandtschaften unser Leben - von der Empfängnis bis zum letzten Atemzug - und vielleicht noch darüber hinaus.

Unsere Eltern gaben uns das Leben - das kostbarste aller Geschenke. Doch damit ist auch unser Schicksal unlösbar mit dem unserer Eltern und der ganzen Sippe verknüpft. Und so werden nicht nur günstige Faktoren sondern auch verhängnisvolle Botschaften, schicksalhafte Belastungen und ungeheilte Verluste oder Kränkungen von Generation zu Generation weitergereicht. Es ist wie ein Naturgesetz: was eine Generation nicht verarbeiten konnte, muss die nächste tragen. Es wirken gewaltige Kräfte in jeder Familie, die weit stärker sind als unsere persönlichen Wünsche und Vorstellungen.

Sigmund Freud und C. G. Jung begannen, das individuelle und das kollektive Unterbewusstsein zu erforschen. Nun entdeckten die Pioniere der systemische Familientherapie (u.a. Virginia Satir, Mara Selvini-Pallazzoli, Bert Hellinger) das Familienunterbewusstsein. Hier finden wir die Lösungen auf viele brennende Fragen: Warum herrschen in vielen Familien statt der ersehnten Liebe und des oft beschworenen Friedens eher Leid, Kummer, Kälte, Streit und Verwirrung? Welche geheimen Ordnungsgesetze wirken in der Familie? Wann und warum werden Einzelne in der Familie krank - körperlich oder seelisch? Und - vor allem - wie können wir die ‘Ordnung der Liebe’ in der Familie und die Gesundheit einzelner Mitglieder wiederherstellen?

Voraussetzung dazu ist die Auflösung unbewusster Identifikationen, stellvertretenden Leidens und übernommener Schuld vorangegangener Generationen. Ebenso müssen Ausgestoßene, Verfemte und Sündenböcke wieder bewusst in den Sippenverband aufgenommen werden. Denn sonst bewirkt die bedingungslose Treue des inneren magischen Kindes zu seiner Ursprungsfamilie den heftigen Drang zum Ausgleich durch stellvertretendes Leiden und Selbstaufopferung. Damit möchten wir auf magische Weise Leiden, Krankheit, Schuld oder Tod der Eltern oder anderer wichtiger Angehöriger lindern oder ungeschehen machen. Oder wir bemühen uns unbewusst, Ungerechtigkeiten auszugleichen. Diese grundlegenden Zusammenhänge werden zwar oft geahnt, jedoch in den meisten Familien aus Hilflosigkeit und Angst vor schmerzlichen Gefühlen eher verdrängt.

Wir können die Verantwortung für unser Leben nur dann freudig annehmen, wenn wir unsere schicksalhafte Verbindung zu unseren Eltern und Ahnen erkennen, würdigen und heilen. Dazu dient vor allem auch die differenzierte und hochwirksame Methode der Familienaufstellung. Der Heilungsprozess im eigenen Familienunterbewusstsein hat meist auch deutliche Auswirkungen auf die realen Beziehungen in der Familie.

Zur Intensivierung und Vertiefung des Heilungsprozesses kann das folgende Ahnenritual beitragen. Gesammelt und ernsthaft durchgeführt, hat es eine erstaunliche Wirkung. Es kann dann auch alleine wiederholt durchgeführt werden, bis die unbewussten Identifikationen gelöst sind und sich liebevolle und dankbare Gefühle zu den Angehörigen und Vorfahren entwickelt haben.

Dabei hat die Herstellung des Kontaktes zu den acht Urgroßeltern eine besonders heilsame Bedeutung. Denn die Urgroßeltern stehen an der Grenze des Vergessens. Mit ihrer Würdigung wird die reale Verbundenheit mit allen Ahnen wieder spürbar - bis zurück zum Ursprung der Menschheit, ja bis zum Ursprung des Lebens und des Kosmos. [Wem ist bewusst, dass jeder jetzt lebende Mensch, wenn er nur die 10 vorangegangenen Generationen (250 Jahre) zusammenzählt, bereits 2046 Vorfahren hat (ein voller Riesensaal!), und rechnerisch schon über 2 Millionen Ahnen nur 20 Generationen zurück? Und wer empfindet die angemessene Dankbarkeit seinen unzähligen Vorfahren gegenüber, von denen er sein Leben hat?]

Dieses Ritual kann uns die lebendige Erfahrung vermitteln, dass wir alle Geschwister sind. Dann gewinnt das zentrale Gebot „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!“ eine ganz reale familiäre Bedeutung und muss nicht mehr beschworen werden.

Vermutlich beruht die Gesundheit und Jahrtausende lange Stabilität der chinesischen Kultur auch auf der von uns meist belächelten Ahnenverehrung.
Dieses Ahnenritual sollte zunächst nur unter Anleitung eines erfahrenen Familientherapeuten durchgeführt werden. Deshalb wird das Ritual hier nur in verkürzter Form dargestellt, um eine ungefähre Vorstellung zu vermitteln.


Das Ahnenritual

Das Ritual hat fünf Schritte. Die beiden ersten Schritte können zunächst übersprungen werden:

1. Das Erkennen unbewusster Identifikationen und die Würdigung der aufopfernden Liebe Deines inneren Kindes: Vergegenwärtige Dir vor Deinem inneren Auge alle Angehörigen Deiner Großfamilie, auch die bereits gestorbenen (Ehepartner, frühere Liebespartner, Deine Kinder, Vater, Mutter, Geschwister, frühere Liebespartner der Eltern, Halbgeschwister aus früheren Partnerschaften der Eltern, Geschwister der Eltern, Großeltern, Geschwister der Großeltern, Urgroßeltern mit besonders schwerem Schicksal [z.B. früher Tod], Ausgestoßene, Sündenböcke und „Vergessene“ [z.B. uneheliche Kinder]).
Zu wem spürst Du eine besondere Verbindung oder Anziehung? (Fühl es jetzt!....Nicht denken!.....) Wer tut Dir besonders leid?..... Wem gegenüber fühlst Du Dich schuldig?...... Mit dieser Person bist Du verstrickt, d.h. es besteht eine bisher unbewusste Identifikation! Schau nun dieser Person ins Angesicht und sage ihr: „Liebe(r) (Verwandtschaftsbezeichnung + Name), ich möchte Dir gern Dein schweres Schicksal erleichtern und es Dir abnehmen!“ oder andere Aussagen. Achte auf Deine Gefühle und wie die Person, zu der Du das sagst, reagiert.
Wenn Du Deine Identifikationen erkannt und die aufopfernde treue Liebe Deines inneren Kindes mitfühlend gewürdigt hast, geht es im nächsten Schritt um die Lösung, also um eine Desidentifikation.

2. Die Würdigung des Schicksals jedes einzelnen Ahnen, verbunden mit einer tiefen langen Verneigung: "Liebe(r) (Verwandtschaftsbezeichnung + Name), ich verneige mich vor Deinem Schicksal! – (und ich lasse es Dir).“

3. Der Dank an Eltern, Großeltern und alle direkten Vorfahren für das Leben, verbunden mit einer tiefen Verneigung. Stelle sie Dir dabei vor, wie sie Dir gegenüber stehen und Dich anschauen: die Eltern, dahinter die Großeltern und dahinter wiederum deren Eltern: "Lieber Vater, liebe Mutter, liebe Großeltern (einzeln nennen), liebe Urgroßeltern (einzeln nennen), ich danke Euch für das Leben, das Ihr weitergegeben habt und das ich durch Euch habe.“

4. Die Bitte an die direkten Vorfahren, insbesondere an die Urgroßeltern, die nährende elterliche Liebe weiterzugeben (da wo die Liebe schicksalhaft nicht von einer Generation zur nächsten fließen konnte): Beispiel: "Lieber Urgroßvater, bitte gib Deinem Kind, meiner Großmutter, die Liebe, die sie braucht. Und bitte Du Deine Eltern um die Liebe, die Du als Kind gebraucht hast." Still sein und spüren, wie der Strom der nährenden Liebe jetzt in der richtigen Richtung von einer Generation zur nächsten fließt und schließlich bei Dir ankommt. Wenn das geschieht, wirst Du es auch körperlich wahrnehmen.

5. Die Bitte um den Segen: "Liebe Eltern, liebe Großeltern, liebe Ahnen, bitte gebt mir noch Euren Segen!" Still und mit geöffneten Händen dasitzen und den Strom des Segens im Körper spüren. Ein abschließender Dank: „ Eure Liebe und Euer Segen stärken mich. Ich mache jetzt das Beste aus meinem Leben, Euch allen zu Ehren!"


Henner Ritter (†)

(war Arzt, Psychoanalytiker, Familientherapeut, Atem- und Tantralehrer und Ausbilder)