Der Liebesinstinkt und seine Heilung

Henner Ritter
Henner Ritter

Ein Artikel von Henner Ritter

Liebe ist die zeitlose Mitte des Seins und das offenbare Mysterium. Sie ist unsere wahre Natur, unsere tiefste Sehnsucht, unser mächtigster Antrieb und - wenn sie ungehindert strömen kann - der Himmel auf Erden. Und eigentlich könnte alles ganz paradiesisch- einfach sein, wenn...., ja wenn wir nicht so schrecklich zivilisiert, d.h. von unserer wahren Natur entfremdet wären.

Gestützt auf neue Erkenntnisse der Instinktforschung stelle ich vier Thesen auf, die unser leidvolles Liebesleben gründlich verändern könnten:

1. Neben dem urzeitlichen Fortpflanzungsinstinkt, der allen Lebewesen eigen ist, haben wir Menschen noch einen spezifischen Liebesinstinkt. Er hat zwei wesentliche Aufgaben: (a) unsere geistig-übersinnlichen Fähigkeiten zu entfalten und (b) die Gemeinschaften zusammenzuhalten - als Gegengewicht zur drohenden Vereinzelung aufgrund der steten geistigen Höherentwicklung und Differenzierung.

2. Dieser Liebesinstinkt ist mit allen anderen grundlegenden Instinkten - Nahrung, Atmung, Fortpflanzung, Familie, Stamm, Natur, Gott - innig verwoben.

3. Seit der neolithische Revolution vor ca. 10.000 Jahren (Sesshaftigkeit, Ackerbau, Viehzucht) haben wir unseren Nahrungsinstinkt zunehmend ausgeschaltet. Das ist der wahre Sündenfall - nach 8 Millionen Jahren Menschheitsgeschichte im Einklang mit der Natur. Erst seitdem werden wir von unzähligen Krankheiten und vorzeitigem Tod heimgesucht. Auch unseren Liebesinstinkt haben wir immer mehr verwirrt und geschwächt bis hin zur akuten Gefahr globaler Selbstvernichtung.

4. ein erster kühner Versuch in der Geschichte nach dem Sündenfall, den Liebesinstinkt wieder zu heilen, war Tantra. Heute können wir neben der spirituellen Dimension des Tantra auch seine biologische und ökologische Dimension erkennen und in befreiende Praxis umsetzen.

Jeder Instinkt hat (1.) einen energetischen Antrieb (2.) einen Lustgewinn bei seiner Befriedigung und (3.) eine Zweckmäßigkeit, also ein sinnvolles biologisch-existentielles Ziel (Finalität). Der Sinn eines Instinktes ist also gerade nicht der ‘reine’ Lustgewinn, sondern umgekehrt: die Lust dient dem Sinn. Mit anderen Worten: die natürliche, unschuldige Lust ist nie Ziel in sich, sondern weist immer über sich selbst hinaus:
„Doch alle Lust will Ewigkeit, will tiefe tiefe Ewigkeit!“ (Friedrich Nietzsche)

Deshalb können wir Instinkt wie folgt definieren:
 
Instinkte sind jene spontanen, angeborenen und biologisch zweckmäßigen Verhaltensweisen, die das individuelle und kollektive Überleben sichern. Sie schenken uns das Grundgefühl von Sinnhaftigkeit, Einheit und Glück, wenn sie ihr Ziel erreichen. Die intensive beseligende Lust, die mit der Hingabe an die instinktiven Impulse einhergeht, sichert die biologischen Aufgaben der Instinkte ebenso wie die heftige Unlust und das Leiden, die mit der Behinderung oder Verfehlung des Ziels entstehen. Die vollständige Befriedigung - das, was Frieden schafft - wird erst mit der natürlichen Erfüllung des Triebziels erreicht.

Die ‘Erfindung’ des Liebesinstinktes und seine Ablösung von der Fortpflanzung war vor vielen Millionen Jahren der entscheidende Durchbruch zur Menschwerdung. Die Urfrau verknüpfte damals ihre genitale Sexualität mit der instinktiven Herzensliebe der ursprünglichen Mutter-Kind-Beziehung. So entfaltete sie das friedens- und gemeinschaftsstiftende Potential der menschlichen Sexualität und sicherte der Liebe die fraglose Priorität auf unserer Werteskala. Die Erschaffung des freien Menschen durch das Mysterium des Heiligen Eros ist der Kern aller Schöpfungsmythen: Liebe ist das Kind der Freiheit. Und die Verkörperung des Heiligen Eros war und ist die Frau. („Das Ewig-weibliche zieht uns hinan!“ J.W.von Goethe) Wie hat Lilith/Eva dieses Wunder vollbringen können?

Sie wurde mit einer besonderen Mutation ihres hormonellen Zyklus gesegnet, mit der steten erotischen Ansprechbarkeit, also mit einer durchgängigen Bereitschaft zu zärtlichen Liebesspielen und sexueller Vereinigung. Diese genetische Errungenschaft hatte offenbar gegenüber der jahreszeitlich begrenzten Brunst einen deutlichen Evolutionsvorteil, so dass sie sich rasch in allen umherschweifenden Stämmen durchsetzte. Der Vorteil lag in einem besseren Schutz und Gedeihen der Nachkommen: die Männer wurden deutlich friedlicher, da die großzügige Erfüllung ihrer sexueller Bedürfnisse sie stärker an ihre Frauen band und besser in die Versorgung der Kinder einbezog. Das Ende des sexuellen Mangels verringerte außerdem Neid und Rivalität unter den Männern soweit, dass sie viel kooperativer miteinander handeln und das Wohlergehen des Stammes gewährleisten konnten. Physiologisch und biochemisch bewirkte der sprunghafte Anstieg der sexuellen Freuden eine vermehrte Ausschüttung von Endorphinen, der körpereigenen ‘Glücksdrogen’, und des Liebeshormons Oxitocins, das auch schon bei allen anderen Säugern Friedfertigkeit und arterhaltende Fürsorge steigert.

Das war die Geburt des Heiligen Eros, die Verschmelzung der Energien von Herz und Becken. Die wunderbaren Energien, die durch die Bündelung dieser beiden Urkräfte freigesetzt wurden, stimulierten wiederum die Evolution der anderen spezifisch menschlichen Merkmale, besonders die körperliche Aufrichtung und - mit die Vergrößerung des Gehirns - die geistige Entwicklung. So stimulierten Liebe und Geist, die beiden Pole unseres Wesens, sich wechselseitig, ja die Liebekraft musste die Geisteskraft ausbalancieren. Adam und Eva hatten in der Urzeit der Menschheit durch diese überströmende Liebesenergie eine wunderbar lebendige, vollständige und weite Ausstrahlung, über die sie ohne Worte miteinander kommunizieren konnten. Penis und Vagina wurden durch die innige Verbindung zum liebenden Herzen zu LINGAM und YONI, zu den spirituellen Organen der Liebe. Mann und Frau liebten sich nun von Angesicht zu Angesicht - und erkannten einander. So konnten sie in der körperlichen Verschmelzung jederzeit die göttliche Liebe als ihren zeitlosen Ursprung erfahren, erneuern und unter den anderen Mitgliedern des Stammes verbreiten.

Wir, Adam und Eva, waren für Jahrmillionen das natürliche ekstatische Paar im Paradies der Liebe!

Die menschliche Sexualität hat sich durch die Verbindung mit dem liebenden Herzen weit hinaus über den dumpf-mechanischen Fortpflanzungstrieb unserer tierischen Vorfahren entwickelt und uns ganz neue Dimensionen eröffnet, ähnlich wie unser Sprachvermögen die tierischen Signallaute weit hinter sich gelassen hat. Was aber - zum Teufel - hat uns dann aus dem Paradies der Liebe vertrieben? Es war vor allem die zunehmende Schwächung der Liebe, sowohl der primären Liebe zwischen Eltern und Kindern, als auch der tantrischen Liebe zwischen Mann und Frau. Dies geschah zwangsläufig und fortschreitend mit dem Sesshaftwerden. Denn die vermehrte Plackerei bei Ackerbau und Viehzucht („IM SCHWEIßE DEINES ANGESICHTS SOLLST DU DEIN BROT ESSEN”) unterbrach immer häufiger die mütterliche Zuwendung und den nährenden Energieaustausch der Liebenden. Mangel an Liebe aber macht verbittert, krank und böse. Bekanntlich mussten wir in altsteinzeitlichen Sammler- und Jägerkulturen für unseren Lebensunterhalt nicht mehr als zwei bis drei Stunden aufbringen. Die ganze übrige Zeit war ‘Muße-intensiv’, also frei zum Lieben, Palavern, Spielen, Tanzen, Feiern und Entspannen - genau das, wofür der moderne Mensch lebenslang schuftet, Urlaub macht oder Banken ausraubt.

Den entscheidenden Bruch mit der Natur vollzogen wir jedoch in unserer täglichen Nahrung - mit fatalen Rückwirkungen auf unseren Liebesinstinkt. Bekanntlich konnten wir damals der Versuchung nicht widerstehen: Während Adam auf der Jagd war oder in der Sonne döste, kochte Eva stolz in ihrem neu getöpferten und gebrannten Tongefäß auf dem Herdfeuer die Kartoffeln, Karotten und Getreidekörner weicher und machte alles durch Salzen und Würzen wieder schmackhaft. Plötzlich konnten wir viel größere Mengen vertilgen: Die Augen klärten sich ihnen beiden und sie erkannten - dass sie nackt waren. (1. Moses 3, 7) Wir haben also das Widernatürliche und Gefährliche unseres Tuns gespürt und schämten uns dafür sogar so sehr, dass wir uns nackt und unbehaglich fühlten.

Kochen, Braten, Backen: was - um Gottes Willen - soll daran so schlimm oder gar lebensgefährlich sein? Die Antwort liefert uns die Biochemie des Sündenfalls. Denn leider wird unser Nahrungsinstinkt durch denaturierte Nahrungsmoleküle betrogen, unterlaufen und lahmgelegt - und ohne genügend wirksame Abschreckung vor den unmittelbaren und langfristigen Folgen! Dadurch haben wir die lebensnotwendige Fähigkeit verloren, Maß zu halten und im reichhaltigen Nahrungsangebot der Natur Schädliches von Gesundem mit der nötigen Präzision zu unterscheiden. Mit den vielen ‘intelligenten’ Veränderungen der Nahrung, die wir seit der neolithischen Revolution erfanden (‘Kochkunst’), wollten wir etwas genießbar machen, was wir sonst nicht verzehren würden - zumindest nicht in diesen Mengen.

Im Kochtopf und in der Bratpfanne entstehen Myriaden von neuen naturfremden Molekülen, die nicht richtig in unser jahrmillionenaltes Stoffwechsel- und Enzymsystem passen und folglich nicht so gut verarbeitet und ausgeschieden werden. Der Körper muss die reichlichen Abfallprodukte dann notgedrungen als ‘Schlacken’ im Bindegewebe und in den Zellen ablagern und wird zunehmend ‘sauer’ (Übersäuerung). Er wird zur wandelnden Mülldeponie - und so sieht er nach einigen Jahrzehnten oft auch schon aus! Diese sauren Schlacken und Schadstoffe behindern zunehmend die Atmung und den Stoffwechsel der ca. 80.000 Milliarden (= 80 Billionen) Körperzellen. Es kommt zu einem inneren ‘Waldsterben’ und damit früher oder später zum Ausbruch der zahllosen Zivilisationskrankheiten, zu Siechtum und vorzeitigem Tod. Außerdem werden durch die vielen Schadstoffe die Abwehrkräfte permanent überlastet. Die Folgen davon sind die stetig zunehmenden Allergien, Autoimmun- und Krebserkrankungen und die erhöhte Infektanfälligkeit.

Die ‘verbotenen Früchte’ waren all jene Naturprodukte, denen unsere Urmütter durch ihre feurigen Kochkünste die Unschuld nahmen. Leider bleiben nun die schlimmen Folgen nicht auf unseren ‘grobstofflichen’ Körper beschränkt. Tatsächlich verursacht unsere Zivilisationskost eine messbare nervliche Überreizung im Sinne einer toxischen ‘endogenen’ Erregung oder Benommenheit. Der so gestörte Stoffwechsel erzeugt oder verstärkt dann auch all jene seelischen Unausgeglichenheiten und Schwächen, die unsere intimen Beziehungen belasten und die wir gern als ‘menschlich’ und ‘normal’ entschuldigen: Gereiztheit, Launenhaftigkeit, Nervosität, Ungeduld, Getriebenheit, Aggressivität, Verwirrung, Angst, Depression, Hass, Neid, usw. usw.

Da unsere Instinkte auf vielfältige und komplexe Weise miteinander verbunden sind, zieht die Störung eines Instinktes auch alle anderen in Mitleidenschaft. Mit der Ausschaltung des Ernährungsinstinktes wird auch unser Liebesinstinkt schwer beeinträchtigt und aus seinen natürlichen Bahnen geworfen. Schon die nahrungsbedingte endogene Erregung verfälscht, verbiegt und übersteigert die sinnlich-erotischen Impulse und führt zu allen möglichen ‘Kurzschlüssen’. Umgekehrt können viele, die für längere Zeit zur ‘Steinzeitkost’ zurückkehren, beobachten, wie die Reaktivierung des Ernährungsinstinktes - zusammen mit einer tiefgreifenden Entgiftung und Heilung des Organismus - auch eine erstaunliche Wandlung des Liebeslebens bewirkt. So verschwinden Anspannung, hektische Gier, genitale Orgasmusfixierung und Leistungsdruck. Das sind ja die Kennzeichen der ‘zivilisierten’ Sexualität, insbesondere der des Mannes, und Ursache für Impotenz oder vorzeitigen Samenerguss (Ejaculatio präcox) ebenso wie für Unlust und Frigidität der Frau. Und das wiederum erzeugt bei unzähligen Paaren den Teufelskreis aus Enttäuschung, Überdruss, Langeweile, Gereiztheit und Aggression, das viel beklagte Absterben der Liebe.

Liebe und Sexualität gewinnen offenbar durch eine ursprünglich-ursprüngliche Ernährung ihren wahren Glanz und ihre wahre Tiefe zurück, so wie es auch Tantra anstrebt. Durch die Entdeckung der Wechselwirkung zwischen Ernährungsinstinkt und Liebesinstinkt lässt sich jetzt nachweisen, was Tantra schon immer lehrte: unsere Sexualität dient nicht bloß der Fortpflanzung sondern vor allem der Entwicklung unserer geistigen und übersinnlichen Fähigkeiten (Intuition, Hellsichtigkeit, Telepathie, Visionen, Inspiration, Kreativität usw.), die zur Liebe gehören wie das Licht zur Sonne. Umgekehrt verschwinden der Zauber und die übersinnlichen Kräfte, sobald der Strom der freien Liebe blockiert wird und versiegt.

Diese Erkenntnisse machen plötzlich viele verwirrenden und widersprüchlichen Erscheinungen im leidvollen Liebesleben unserer Zeit verständlich. Leiden entsteht ja immer dann, wenn ein natürlicher Triebimpuls nicht ans Ziel gelangen kann. Und nichts stürzt uns in tieferes Leiden als die Behinderung unseres Liebesinstinktes und seine ‘Gleichschaltung’, seine gewaltsame Unterjochung unter die Fortpflanzung. Und genau das ist das Kainsmal aller Kulturen nach dem Sündenfall, und erst Recht nach der Machtergreifung des Patriarchats, erkennbar an der heillosen Verwirrung in unseren Liebesbeziehungen. Denn die beiden Instinkte haben ganz unterschiedliche Beziehungsmuster. Der Fortpflanzungsinstinkt ‘will’ die ausschließliche Zweierbeziehung - zumindest zeitweilig -, in der jeder auf die Weitergabe seiner Gene bedacht ist (‘Egoismus der Gene’). Der Liebesinstinkt hingegen ‘will’ die nichtausschließliche Zweierbeziehung und ihre Öffnung für liebevolle Dreier- und Mehrfachbeziehungen.. So bewirkt die freie Liebe auf ganz natürliche und spontane Weise die harmonische Liebesbindung und warmherzige Vernetzung aller Mitglieder einer Gemeinschaft. Dieses Instinktprogramm beginnt bereits in der frühen Kindheit mit heftigen sinnlichen Liebesimpulsen, es wirkt auch während jeder Schwangerschaft weiter und kennt keine Altersgrenze nach oben.

Der gesunde Liebesinstinkt ist gekennzeichnet durch eine verblüffende Vielgestaltigkeit der Liebesimpulse, durch seine übersinnliche, zeitlos-magische Qualität, durch das Feuerwerk schöpferisch-kreativer Impulse, durch den beseligenden und erfüllenden Energieaustausch zwischen den Liebenden und durch die strahlende Schönheit, in die der liebende Blick alles taucht. Diese Liebe ist es, von der alle Dichter singen und nach der wir uns verzehren. Diese Hohe Liebe kennt kein mentales Begehren, keine Lüsternheit. Alles ist stille Gegenwärtigkeit und selige, demütige Hingabe. Hingerissen und begeistert von seiner Liebe erkennt der Liebende nicht nur das geliebte Wesen, sondern die gesamte Schöpfung als Verkörperung des Göttlichen.

Stehen sich nun die beiden Instinktkreise für Liebe und Fortpflanzung von Natur aus feindlich gegenüber? Keineswegs! So unterschiedlich zwar ihre Aufgaben, Ausdrucksformen und Beziehungsmuster auch sind, so stehen sie doch beide treu im Dienste der Arterhaltung. Unter natürlichen Bedingungen koexistierten sie nicht nur viele Millionen Jahre lang einträglich miteinander, sondern das Zeugen und Aufziehen der Kinder war harmonisch in der freiströmenden Liebe aller Stammesmitglieder ‘aufgehoben’. Ja, die Kinder selbst waren und sind stets die vehementesten Verfechter der freien sinnenfrohen Liebe.

Eros ist heilig und heilbringend, denn er befreit uns in der liebenden Hingabe an einen Partner aus unserer individuellen Einsamkeit und Isolation. Doch damit nicht genug. Auch die Isolation in der Zweisamkeit will er auflösen und öffnet uns, wenn wir uns seinem göttlichen Wirken überlassen, für die Liebe in immer weiteren und höheren Kreisen. Der HEILIGE EROS ist die Ur-Religion der Menschheit. Alle religiösen Bewegungen nach dem Sündenfall sind die reumütigen und angestrengten Versuche, diese Urreligion wiederherzustellen. Doch sie mussten scheitern, weil sie die Natur des Sündenfalls nicht erfassten und deshalb nicht wussten, wie sie die Verunstaltungen des Heiligen Eros wieder rückgängig machen sollten. Und mit der Verfemung der Sexualität gingen sie erst Recht in die Irre.

Mit der Sesshaftigkeit und der Erfindung der Kochkunst geriet also unsere innere und äußere Natur aus den Fugen. Wir wurden anfällig für ‘das Kranke’ und ‘das Böse’. Denaturierte Zivilisationskost mit ihren unzähligen Fremdmolekülen ist die primäre Sucht und das Einfallstor für alle weiteren Süchte. Sie zerstört die freie Liebe, da sie mit der instinktiven Steuerung auch die natürliche ‘Weisheit des Körpers’, d.h. die spontane Selbstregulation unseres leib-seelischen Organismus ausschaltet. Ja sie zerreißt die ursprüngliche Einheit von Körper und Seele. Die nervliche Überreizung, die mit der ‘Feinkost’ einhergeht, verwirrt und schwächt unseren Liebesinstinkt, das biologisch notwendige Gegengewicht zur zunehmenden Individuation. Die großen Hoffnungen und freudigen Erwartungen, mit denen wir uns von klein auf - unseren spontanen Liebesimpulsen folgend - in unsere intimen Beziehungen stürzen, werden so immer wieder enttäuscht. Und die meisten Liebesbeziehungen enden dann ja auch früher oder später in bitterer Enttäuschung, gefolgt von schmerzlicher Trennung oder dumpfer Resignation. Wir verirren uns in der lieblosen Wüste des EGO’s, wir verdursten ohne das ‘Wasser des Lebens’, wir ersticken, wenn der Sauerstoff des Liebeszaubers fehlt.

Tantra fasziniert und inspiriert uns, weil es unser verborgenes Wissen um das Wesen der Liebe zum Vorschein bringt und unsere unstillbare Hoffnung auf wahre Erlösung nährt. Jetzt - mit der Entdeckung seiner biologischen Wurzeln - ist die Zeit reif für eine weite Verbreitung. Nur die sorgfältige Heilung unserer Instinkte kann uns erlösen. Wir können sofort damit beginnen, die Liebe zu uns selbst zu stärken, indem wir unseren Nahrungsinstinkt regenerieren. Denn das, was wir uns mehrmals täglich als Nahrung einverleiben, können wir noch am ehesten selbst bestimmen. („Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!“) Unser Liebesinstinkt versöhnt alle Gegensätze und lässt die irdische Liebe wieder eins werden mit der himmlischen Liebe. Das liebende Herz ist der mystische Schnittpunkt von Biologie und Theologie. In ihm findet die Wissenschaft vom Leben wieder zu Gott und die Wissenschaft von Gott zum Leben. Diese allumfassende Liebe, der HEILIGE EROS, ist der Messias - der langersehnte Erlöser! Die Liebe ist der uranfängliche göttliche EROS und – ebenso wie der göttliche LOGOS - höher als alle menschliche Vernunft. Sie vibriert seit Anbeginn der Schöpfung in unseren Herzen und Genen. Und sie wartet auf ihre Auferstehung in Dir, um die Welt wieder zu dem zu machen, was sie ursprünglich war und in Wahrheit ist: das Paradies der Glückseligkeit und Freude aller fühlenden Wesen.

Henner Ritter (†)

(war Arzt, Psychoanalytiker, Familientherapeut, Atem- und Tantralehrer und Ausbilder)