Zins und Zinseszins - Segen oder Elend?

Zins und Zinseszins - Segen oder Elend?

Zinsen gab es doch schon immer und sie sind doch etwas Gutes. Wenn man sein Erspartes zur Bank bringt, dann gibt es Zinsen. Wir alle haben wohl in der Schule diese simple Zinsrechnung gelernt, bei der aber immer nur der positive Effekt der Zinsen betrachtet wurde. Welcher Schüler oder Student wird aber mit Aufgaben konfrontiert, um die gewaltigen negativen Folgen vom Zinseszins einmal auszurechen und zu dokumentieren?

Wer hat schon einmal etwas vom Josephspfennig gehört? Diesem Rechenbeispiel geht die Annahme voraus, Josef von Nazaret hätte vor rund 2000 Jahren für seinen Sohn Jesus einen Betrag von 1 Euro-Cent angelegt. Die Geldanlage und die Zinsgewinne bleiben bis zum Ende des Zeitraums auf einem Sparkonto und werden mit 5 % verzinst. Im Jahre 2000 sind daraus sagenhafte 23.911.022.046.136.200.000.000.000.000.000.000.000.000  Euro geworden. Und weil wir diese Zahl schlecht lesen und aussprechen können, kann man es auch in einer Goldmenge ausdrücken. Sie entspricht einem Wert von 1.265.187 Sonnen aus purem Gold. Das ist in der Tat völlig verrückt. Hätte es aber eine Verzinsung gegeben ohne Zinseszins, bei gleichem Zinssatz, dann wäre ein Endkapital von 1,01 Euro entstanden, also einen Zinsgewinn von 1,- €.

Diese ungeheuerliche Schieflage mit dem Zinseszins ist aber Realität in unserer Welt. Sie führt zu einer unglaublichen Konzentration an Vermögen bei nur sehr wenigen Menschen. Im Jahre 2016 hatten die 62 reichsten Menschen gemeinsam so viel Vermögen wie die ärmere Hälfte der gesamten Weltbevölkerung. Doch nicht nur das. Unter dieser Schieflage stöhnt der gesamte Planet. Es entsteht eine absolut ungesunde und gigantische Schere zwischen Arm und Reich, mit all ihren Negativfolgen in allen Lebensbereichen, und es entsteht eine hemmungslose Ausplünderung der natürlichen Ressourcen. Die Reichen und Superreichen plündern, weil sie noch reicher werden wollen und die Armen, weil sie auf der Suche nach dem Notwendigsten für ihr Leben sind.

Forscher, die ursprüngliche Stämme und Menschen untersuchten, gleich kurz nachdem sie entdeckt wurden (also noch ohne Einfluss unserer Welt), stellten immer wieder erstaunt fest, dass diese Menschen zur Deckung ihrer Lebensbedürfnisse lediglich etwa zwei Stunden am Tag aufbringen mussten. Die weitaus meiste Zeit wurde Siesta gehalten, geplaudert, gelacht, geliebt und getanzt. Also genau das, wofür wir fast jeden Tag hart und lang arbeiten, unsere Kinder vernachlässigen und notfalls Banken ausrauben. Wie weit sind wir dagegen in unserer Wohlstandsgesellschaft von diesem Ur-Wohlstand entfernt? Und wie weit waren unsere nahen Vorfahren, die das aufkommende industrielle Zeitalter miterlebt haben, davon entfernt?

Doch es gab auch bei uns schon andere Zeiten. Die wahrscheinlich längste Hochkonjunktur in der Geschichte der Menschheit dauerte sagenhafte 300 Jahre und vollzog sich von 1150 bis 1450. Auslöser dafür war der Magdeburger Erzbischof Wichmann, der sogenannte Brakteaten prägen ließ. Das waren dünne, nur einseitig geprägte Silberblechmünzen, die nicht besonders schön sein mussten, denn sie wurden zweimal im Jahr für ungültig erklärt. Das hatte einen besonderen Effekt und war die Lösung des Rätsels für diesen anhaltenden Wohlstand. Niemand konnte Geld horten, es war immer im Fluss, das war das entscheidende. Wer es dennoch tat verlor ein Vermögen. Geld mit Geld zu verdienen war unter diesen Umständen nicht möglich. Niemand wurde mit Zinsen und Zinswucher belastet. Alle trugen zweimal im Jahr ihre alten Münzen zum bischöflichen Münzamt und bekamen für vier alte drei neue Münzen. Die Differenz wurde als Steuer einbehalten. So zahlte ganz nebenbei auch jeder gleich seine Steuern.

In dieser Blütezeit entstanden in Mitteleuropa 3000 Dörfer und Städte, deren Pracht uns noch heute, sofern sie erhalten sind, beeindruckt. Unter ihnen z.B. die Städte Lübeck, Dinkelsbühl und Rothenburg/Tauber. Noch im Jahre 1450 schrieb der Erzbischof Antonin von Florenz, dass für die Gewinnung des Lebensunterhaltes selbstverständlich nur eine kurze Arbeitszeit genüge und dass nur der viel und lange arbeiten müsse, der nach Reichtum und Überfluss strebe. Heute weiß man davon fast nichts mehr.

Es vergingen einige Jahrhunderte, bis der deutsch-argentinische Unternehmer und Geldreformer Silvio Gesell (1862-1930) den Zins und Zinseszins als Webfehler in der Struktur des Geldes erkannte. Also als einen finanztechnischen Irrtum mit verheerenden Folgen. Er entwickelte die Natürliche Wirtschaftsordnung, in der er das Geld mit den Waren gleichstellte und einer natürlichen Abschmelzung aussetzte. Genauso, wie Waren mit der Zeit an Wert verlieren - weil sie aus der Mode kommen, veralten oder verderben -, sollte nach Gesells Natürlicher Wirtschaftsordnung auch das Geld mit der Zeit einem geringen Wertverlust ausgesetzt werden. Also das Gegenteil von Zinsen. Dadurch wäre es völlig unattraktiv es zu deponieren. Es bliebe ständig im Fluss. Niemand müsste für die Tilgung der Zinsen und Zinseszinsen arbeiten.

Bis heute wird die Leistung Gesells weitgehend verschwiegen. Aber es gab eine Gemeinde, in der dieses Modell erfolgreich ausprobiert wurde. Das war die Gemeinde Wörgl in Österreich, im Jahre 1932. Dem Bürgermeister Michael Unterguggenberger und seiner Gemeinde gelang es nach dem Beispiel Gesells aus einer äußerst schwierigen Finanzlage herauszukommen, die Auftragsbücher zu füllen und die Arbeitslosigkeit innerhalb von 13 Monaten um sensationelle 25 % zu senken. Andere Gemeinden kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Doch als 178 österreichische Gemeinden den Entschluss fassten, der Gemeinde Wörgl zu folgen, griff die Nationalbank in Wien und das mächtige, zu Tode erschrockene Kapital ein und zwangen zur Aufgabe. Eine großartige Chance wurde vernichtet.

Nun werden viele Leute vielleicht sagen, dass sie von der herrschenden Zinspolitik nicht weiter betroffen sind, weil sie keine Kredite abzahlen müssen. Doch das ist ein Irrtum. Viele, insbesondere große Firmen, bauen ihre Unternehmen mit Krediten auf. Diese müssen sie natürlich bedienen. Und die Kosten dafür werden selbstverständlich auf die Waren oder Dienstleistungen aufgeschlagen. Diese verdeckten Zinszahlungen bekommt niemand zu Gesicht. Doch sie sind fast überall vorhanden. Wir müssen alle dafür bluten. 30 % an Zinslast sind dabei normal. In der Miete können sogar bis zu 70 % stecken. Und zu allem kommen auch noch diese unsäglichen Zockerei-Geschäfte.

Es heißt immer, Geld würde nicht stinken. Das mag, ganz direkt betrachtet, auch so sein. Doch in unserer gegenwärtigen Finanzwelt, da stinkt es gewaltig.