Getragen werden
Anfang der siebziger Jahre ging eine junge Amerikanerin in den Dschungel Venezuelas und traf dort auf einen bemerkenswerten Indianerstamm, die Yequana. Diese lebten glücklich und harmonisch miteinander. Jene Amerikanerin, namens Jean Liedloff, versuchte die Ursachen dafür zu finden, besuchte die Yequana mehrmals und blieb insgesamt zweieinhalb Jahre. Sie entdeckte die Wurzeln für deren Glück in dem Umgang dieser Menschen mit ihren Kindern.
Zunächst einmal staunte sie, dass es bei jenen Indianern kein Wort für Arbeit gab. Sie hatten zwar verschiedene Worte für einzelne Tätigkeiten, z.B. für Wasserholen. Aber ein Wort für Arbeit existierte nicht. Auch herrschte bei ihnen immer Festtagsstimmung.
Später entdeckte und verstand sie mehr und mehr, dass die Yequana und vor allem ihre Kinder, anders als wir Zivilisationsmenschen, noch weitgehend in ihrem Kontinuum lebten, welches sich in großer Übereinstimmung mit den Gegebenheiten ihrer Umgebung und unserer Gattung befand und dass sich einst in langen Entwicklungsprozessen prägte. Sie lebten vor allem auch in Übereinstimmung mit den Erwartungen, die sich daraus ergaben. Insbesondere die uralte Erwartung des Getragen-werdens wurde den Kleinkindern voll erfüllt. Mit instinktiver Sicherheit wussten die Yequana, was für ihre Kinder gut und richtig ist, ohne dass sie jemals irgendeine Ausbildung darin erhalten oder ein Buch gelesen hätten. Dies bedeutete nicht etwa, dass jene Kinder eine Aufmerksamkeit erhielten, bei der sich ständig alles ums Kind drehte. Ihnen wurde weder Aufmerksamkeit aufgedrängt noch welche vorenthalten. Dies ist eine unglaublich wichtige Voraussetzung dafür, dass sich das Kind in der Mitte seiner innersten Bedürfnisse und seiner, von der Natur vorgesehenen, Entwicklungsschritte befinden darf. Beides, sowohl eine zu starke aufgedrängte Aufmerksamkeit, als auch eine verweigerte, führt dazu, dass ein Kind aus seiner Balance geworfen wird. Dies hat zur Folge, dass sich Fragen nicht beantworten, die es an das Leben und seine Umwelt stellt und die in seinen mitgebrachten Erwartungen enthalten sind. Sein Bedürfnis nach selbständigen Erfahrungen wird untergraben. Oder, wenn verweigerte Aufmerksamkeit der Fall ist, muss es emotional schrecklich dursten. Gerade in unserer hoch entwickelten Zivilisation ist oft zu beobachten, dass Eltern in ihrer, sicher nicht schlecht gemeinten Sorge um ihr Kind, dieses um wichtige Erfahrungen, die eigentlich in seinem Kontinuum liegen sollten, berauben. Ja, es geht häufig sogar soweit, dass, obwohl die Kinder genau spüren, ob etwas gut und richtig für sie ist, ihre Eltern ihnen ihre Meinung aufzwingen.
So habe ich, um ein paar einfache Beispiele zu nennen, schon oft beobachtet, dass Eltern ihre Kinder drängten, eine Jacke oder ein anderes dickes Kleidungsstück anzuziehen, obwohl das Kind erklärte, ihm sei überhaupt nicht kalt. Doch alle Beteuerungen halfen nichts. Das Kind hatte sich dem Willen seiner Erzieherpersonen zu beugen. Oder, was ich auch schon oft erlebt habe, dass Eltern es verboten wenn ihr Kind im Regen hinaus spielen gehen wollte. Die Eltern rechtfertigen dies dann natürlich damit, dass sie meinen, ihr Kind würde krank werden. Aber das Kind hat einen eigenen Körper und eigene Gefühle. Es spürt selbst am besten, ob ihm kalt ist oder nicht, oder ob ihm der Regen etwas ausmachen würde. Das können die Eltern niemals so genau spüren, wie das Kind selbst. Sie ahnen auch nicht, dass sie gerade dadurch ihr Kind viel eher Gefahren aussetzen. Und selbst wenn sich das Kind vielleicht getäuscht hat, so ist es wichtig, dass es auch diese Erfahrung persönlich macht. Also mit anderen Worten und auf das erste Beispiel bezogen, es wird schon hereinkommen, wenn ihm kalt wird.
Im Ernährungsbereich sind derartige Zwänge noch häufiger der Fall. Nicht selten verbringen Eltern mehrere Monate oder sogar Jahre damit, ihre Kinder zu zwingen, endlich eine bestimmte Speise zu essen, die sie eigentlich ablehnen. Die ganze Entwicklung der Kinder in unserer Zivilisation ist von solchen oder ähnlichen Zwängen begleitet. Diese gehen übrigens nicht nur von den Eltern aus. Oft sind sie auch schon im gesellschaftlichen Kontext enthalten. Sie durchdringen schließlich sämtliche Bereiche des menschlichen Lebens, auch den der Liebe.
Was sich dabei für das Kind und sein Kontinuum-Empfinden vollzieht, ist etwas wirklich Schlimmes. Das Kind, das nicht seiner inneren Natur folgen darf, lernt, alles ist falsch. Es lernt, dass es offenbar notwendig ist, seine innere Stimme zu unterdrücken, ja sogar zu verleugnen, und irgendwelchen angeblich "vernunftmäßigen" Erwägungen zu folgen. Welche dramatischen Konsequenzen das hat, lässt sich kaum ermessen. Ein Mensch, dessen innere Balance oder dessen Kontinuum-Empfinden unterdrückt, verkümmert und aus seiner eigentlichen Bahn geworfen ist, muss in diesem Zustand der Welt gegenüber treten. Das kann nicht zu überwiegend glücklichen Menschen führen. Es führt zu Unsicherheit, Misstrauen, Frustrationen und vielem weiter.
Die meisten unserer Kinder werden schon früh aus ihrer Bahn geworfen, schon als Säuglinge. Sie sehnen sich danach viel getragen zu werden. Doch sie werden wenig getragen und erhalten stattdessen einen gut gefederten Kinderwagen. Sie schreien nach körperlicher Nähe, auch des nachts sowie nach direktem Hautkontakt und nach lebendiger Wärme, doch sie werden in ein Kinderbett mit Gittern eingesperrt und erhalten ein lebloses Kuscheltier an ihre Seite. Ihr Körper erwartet natürliche Nahrung und mehrere Jahre die Mutterbrust, doch sie erhalten bald schon einen Plastikschnuller und werden mit einem schrecklichen Brei gefüttert. Kleinkinder kämpfen gegen diese Missstände oft verzweifelt an und leiden sehr darunter. Doch ihre Eltern verstehen das kaum.
Ich erinnere mich an ein Kleinkind aus der Nachbarschaft. Der Junge war ein großer Kämpfer. Seine Mutter entschuldigte sich schon bei uns für sein häufiges Weinen und Schreien. Über ein halbes Jahr dauerte sein Kampf. Dann war auch sein Widerstand gebrochen. Seine Mutter schien erleichtert zu sein.
Übrigens haben viele Eltern Angst, ihr Kleinkind nachts an ihre Seite zu legen. Sie fürchten es zu erdrücken. Doch auch wenn man schläft funktionieren unterbewusste Mechanismen und eine Art ständiges Gewahrsein, so dass es niemals dazu kommen würde, ein Kind zu erdrücken oder ihm die Atemluft zu nehmen. Es sei denn man ist stock betrunken. Der beste Platz für ein Kleinkind in der Nacht ist in der Mitte zwischen Vater und Mutter - möglichst nackt, allenfalls mit einer Windel in der ersten Zeit -, oder überhaupt in der Mitte von anderen Menschen. Diese sollten selbstverständlich auch nackt sein. So kann es sich in jeder Hinsicht als ganzes aufgehoben und berührt fühlen und später selbst einmal auch andere Menschen unbefangen als ganzes berühren und lieben. Und es kann in einer glücklichen Ruhe schlafen. Ein Kind, dass man isoliert und nachts schreien lässt, vielleicht, um es an einen bestimmten Rhythmus zu gewöhnen, ein solches Kind empfindet entsetzliche Seelenqualen. Seine Erwartung, sein Glaube und sein Vertrauen an das Leben und die Welt werden tief erschüttert.
Ein ungeborenes Kind verfügt noch über den Schutzraum des mütterlichen Körpers, in dem es sich befindet. Es spürt die Wärme der Mutter, hört Geräusche, wird hin und her geworfen. Das ist ganz normal. Dann aber ist vorgesehen, dass es den Körper der Mutter verlässt. Das ist für jedes Kind ein gewisser Schock. Die Umwelt, die es nun erlebt, ist kälter. Die Geräusche erreichen ungedämpft seine Ohren. Das Licht ist sehr hell. Die Herztöne der Mutter reißen ab. Es ist dringend notwendig, dass es zunächst noch lange und oft getragen wird und seinen Platz unmittelbar am Körper der Erwachsenen hat. Es wird an diesem Platz Schutz, Sicherheit und Vertrauen spüren. Ebenso Wärme, Liebe und Geborgenheit. Und es wird seine Umwelt beobachten, in die es eines Tages selbst hinaus tritt. Wann es aber diesen Schritt macht bzw. diese Schritte - denn es sind ja gewöhnlich mehrere, bis es sich wirklich löst -, dass muss es allein entscheiden dürfen. Auf jeden Fall ist es ein Weg über mehrere Jahre. So wird es in Übereinstimmung mit seinem Kontinuum-Empfinden bleiben können und wird sich immer in seiner Mitte getragen fühlen. Fehlt aber einem Menschen dieses wichtige Grundgefühl, oder wurde es ihm nur mangelhaft gewährt, wird er diesen Mangel auch später als Erwachsener noch mit sich herumtragen. Dann wird er ein Leben lang nachträglich versuchen, dieses Loch in seinem Inneren aufzufüllen, was ihm aber kaum gelingen wird. Und er wird sich niemals wirklich von der Mutter lösen können, weil in ihm immer noch jenes unerfüllte Bedürfnis durstet. Die Entwicklungsphase, in der es hätte erfüllt werden sollen und müssen, ist unwiederbringlich vorbei.
Die Rolle eines Kleinkindes, das getragen wird, ist passiv. Die Yequana-Kinder wurden oft auf dem Arm getragen oder ritten auf den Hüften ihrer Mütter. Gelegentlich genossen sie direkte Aufmerksamkeit, wie Küsse, Kitzeln oder In-die-Luft-geworfen-werden. Selbst auf schwierigen Wegen, wie z.B. zum Wasserholen, nahmen die Mütter ihre Kleinen mit. Aber sie wurden auch zeitweilig sich selbst überlassen - wenn es die Situation erforderte oder wenn sie selbst danach verlangten -, im vollen Vertrauen darauf, dass sie in diesen Situationen die Verantwortung für sich selbst übernehmen. Das bedeutet, die Erwachsenen erwarteten von ihren Kleinkindern in einer unausgesprochenen Selbstverständlichkeit, dass sie sich nicht verletzten, weder an einem scharfen Gegenstand schnitten noch in eine Grube stürzten oder ähnliches und dass sie an dem Platz verblieben, an dem sie vielleicht zurückgelassen wurden. Gefahrenquellen gab es genügend, doch es kam niemals zu irgendwelchen Unfällen. Der instinktive Schutzmechanismus, der eigentlich jedem Menschen angeboren wird, funktionierte noch ausgezeichnet. Dies vor allem auch deswegen, weil es naturgegeben erwartet und nicht durch überempfindliche Sorgen oder Belehrungen untergraben wurde. Ebenso konnten diese Kinder, wenn sie krabbelnd ihre ersten kleineren Ausflüge unternahmen, ungehindert ihre Umwelt entdecken, immer mit der Gewissheit, sich in einem Schutzfeld der Erwachsenen zu befinden, in dem sie nur zu rufen brauchten, wenn sie wieder nach ihrer Mutter verlangten. Und falls sich die Erwachsenen den sexuellen Vergnügungen hingaben, wurden die Kleinkinder auch dabei nicht ausgesperrt.
Niemals kam es dazu, dass ein Kind länger geweint hat. Situationen wie bei uns in der zivilisierten Welt, in denen die Mütter mitunter ihre Kinder schreien lassen - weil es gerade modern ist, weil die Mutter zeigen will wer die Macht hat oder weil sie das Kind zu etwas zwingen will - waren den Yequana absolut fremd. Ebenso war es ihnen vollkommen fremd, Liebesentzug als Erziehungsmethode anzuwenden. Ein einziges Mal kam es dazu, dass ein Vater mit seinem einjährigen Sohn die Geduld verlor, schrie und eine heftige Bewegung dabei machte. Das Baby stieß einen entsetzlichen Ton aus, der Vater kam zur Besinnung und erkannte, dass er sich gegen die Natur vergangen hatte. Man konnte ihn nie wieder den Respekt vor der Würde seines Sohnes verlieren sehen.
Eine andere, in den letzten Jahrzehnten teilweise bei uns in Mode gekommene Erziehungsweise ist die, dass man die Kinder in einem Zustand der Leere lässt, in dem ihnen sozusagen die Führungsrolle übertragen wird und in dem sie keinen Halt und keine wirkliche Orientierung finden; was übrigens auch durch Verwöhnung eintritt. Alles richtet sich dann nur nach ihren vermeintlichen Wünschen. Und falls sie fragende Gesichter machen, bekommen sie von ihren Erzieherpersonen mitunter auch fragende Gesichter zur Antwort. Doch Kinder wollen und müssen zunächst durch Beobachtungen viele Informationen über die Welt der Erwachsenen sammeln, über ihre Handlungen und Interaktionen. Sie müssen erkennen, dass es erwünschte und unerwünschte Handlungen gibt. Daraus lernen und verstehen sie. Sie brauchen zentrierte Erwachsene zur Orientierung. So bereiten sie sich darauf vor, selbst einmal einen Platz in deren Kreis einzunehmen. Befinden sie sich aber in einem Zustand, in dem sie überwiegend in den Mittelpunkt des Geschehens gestellt werden - in dem sie z.B. laufend gefragt werden, was sie den möchten oder was die Eltern machen sollen usw. - dann verstehen sie gar nichts mehr. Dann wird ihnen die Möglichkeit genommen, wichtige Antworten und Orientierungen zu finden. Denn sie können schwerlich an sich selbst eine Orientierung finden, die eigentlich von den Erwachsenen ausgehen müsste und die sie in den Erwachsenen auch suchen. Ein solcher Zustand hinterlässt unweigerlich Frustration und Unsicherheit, trotz aller materiellen Wünsche die man einem solchen Kind vielleicht erfüllen konnte. So werden sie verbittert und widerspenstig und rebellieren dagegen.
Hierbei geht es also diesmal wohlgemerkt nicht primär um Orientierungen an der eigenen inneren Natur, sondern um solche, die außerhalb, im Umfeld und im sozialen Gefüge verwurzelt sind. Ein Tierbaby in der Wildnis würde rasch verkümmern, würde es diese Erfahrungen und Beobachtungen in seinem Rudel nicht machen können.
Gleichwohl darf an dieser Stelle natürlich kein Zweifel darüber aufkommen, dass Kinder immer in einem Gefühl aufzuwachsen bedürfen, in dem sie akzeptiert und willkommen sind. Niemals darf Liebesentzug als Strafe eingesetzt werden. Wenn es denn eine unerwünschte Handlung begangen hat, dann muss man das auch klar machen und zeigen. Das Kind sollte Ärger oder Traurigkeit darüber sehen, und dies unmittelbar. Danach ist die Sache aber sofort erledigt. Es besteht kein Grund, nicht gleich wieder zur Liebe überzugehen, bzw. dem Kind nicht auch danach die volle Zuneigung und Anerkennung zu schenken. Es ist sogar besonders wichtig, dem Kind zu zeigen, dass es, auch wenn es einen Fehler begangen hat und daher den Ärger der Erwachsenen erregte oder vielleicht auch ausgeschimpft wurde, dennoch gleich wieder der ganzen Liebe und Zuneigung sicher sein kann. So wird es den Fehler korrigieren oder daraus lernen können, und so wird es Halt in den Erwachsenen finden. Nicht wenige Erwachsene setzen leider Liebesentzug als Erziehungsmethode ein. Sie grollen lange Zeit mit dem Kind und verweigern ihm in dieser Zeit ihre Zuneigung. Das ist Psychoterror für die Kinder.
Viele Erwachsene sind unfähig, adäquat auf Problemsituationen ihrer Kinder zu reagieren. Wie sollten sie auch. Sie sind ja selbst große Kinder, die aus ihrer Bahn geworfen wurden und die wichtige Forderungen ihres Kontinuums nicht erfüllt bekamen. Obendrein sind die Erwachsenen oft angekratzt von den harten Umständen des Alltages, und gleichzeitig laufen sie mit alten unterdrückten Hungergefühlen herum, die niemals richtig befriedigt wurden. Das schafft Unsicherheit, Erfahrungsmangel und fehlplazierte Reaktionen. Wer noch nie dauerhaft in der Mitte seines Kontinuums leben konnte, oder wen vielleicht sogar wichtige Erfahrungen vollkommen fehlen, der ist trotz besten Bemühens häufig nur schwer in der Lage, die Antworten zu geben, die wirklich angemessen wären. Die Unsicherheit bei den Erwachsenen ist so sogar groß, dass schon Fernsehdiskussionen stattfanden, in denen darüber gestritten wurde, ob man ein Kind schlagen sollte oder nicht. Doch die Antwort ist eindeutig. Ein Kind darf niemals geschlagen werden, und große Menschen natürlich auch nicht. Es ist höchst peinlich, darüber überhaupt zu diskutieren. Aber ein Kind sollte auch klar erkennen können, welche seiner Handlungen erwünscht und akzeptiert werden, und welche unerwünscht sind und abgelehnt werden.
Problematisch bleibt die Sache dennoch, weil viele Erwachsene unserer Zeit aus ihrer eigenen Unsicherheit und aus ihren Mangelzuständen heraus, nicht in der Lage sind, eindeutige, in sich stimmige und überzeugende Orientierungen zu bieten. Kinder, vor allem kleinere, spüren das häufig noch sehr genau. Doch irgendwann später geraten sie selbst in den gleichen Strudel.
Auf meinen Reisen nach Südostasien konnte ich in manchen entlegenen Regionen, die aus unserer Blickrichtung oft als rückständig oder unterentwickelt bezeichnet werden, immer wieder beobachten, dass nicht nur Säuglinge sondern auch Kleinkinder, die schon längst laufen konnten, wie selbstverständlich getragen wurden. Die Säuglinge sowieso und die anderen Kleinkinder wenn sie danach verlangten oder wenn es die Situation mit sich brachte. Doch sie wurden nicht nur von Erwachsenen getragen. Auch größere Kinder, die in einer Gruppe zusammen spielten, schleppten die Kleinen mit sich mit, ohne jedes Problem. Und dies sicher nicht nur, weil sie sich keinen Kinderwagen leisten konnte. Vielmehr, weil es ihnen ein instinktiver Impuls eingab, ohne dass sie auch nur die geringsten Überlegungen darüber anstellten. Je mehr die Menschen jedoch mit der modernen Zivilisation in Berührung kamen und deren Verhaltensweisen annahmen, umso mehr ging auch dieses wichtige Element menschlichen Erlebens verloren. Erst in den letzten Jahren begannen einige Menschen bei uns zu verstehen, welch wichtiges Grundbedürfnis das Getragen-werden ist. So sieht man heute schon hin und wieder einige Eltern, die ihre Kinder mit speziellen Tragegurten am Körper tragen, statt in einem Kinderwagen vor sich her zu schieben.
Seit Urzeiten, seit sich die erste Zelle vor Milliarden Jahren auf dieser Erde bildete, verlief das Leben in Übereinstimmung mit den natürlichen Gegebenheiten. Es musste damit übereinstimmen und sich zwangsläufig daran ausrichten. Alles, nicht nur die Nahrungsaufnahme, auch das Klima, die Temperatur, die Bewegungen, Bestandteile der Materie und natürlich auch spezielle artspezifische Besonderheiten, zeichneten sich in die Genetik der einzelnen Wesen ein. Damit erhielten die nachfolgenden Wesen eine stabile Grundlage, auf der sie sich weiter entwickeln konnten. Das Leben musste, um überleben zu können, die Balance in der Mitte des Lebens halten und dabei alle äußeren und inneren Faktoren beachten. Auch das Getragen-werden gehört für unsere Art seit vielen Millionen Jahren zu unserem Kontinuum dazu. Wenn Kinder die meiste Zeit in körperlicher Isolation aufwachsen, werden sie eines Grundpfeilers des Lebens beraubt. Das lässt sich nachträglich kaum noch korrigieren.
Aber es geht mir hier wohlgemerkt nicht nur um den physischen Akt des Getragen-werden. Es geht mir um das Getragen-werden als solches in der Mitte des Lebens überhaupt. Wenn nur ein Element, ein wichtiger Inhalt oder eine einzige bedeutende Entwicklungsphase gestört ist, werden wir aus der Bahn geworfen. Wir brauchen das Grundgefühl, in der Mitte des Lebens getragen zu sein. In der Mitte des Lebens, der Natur und der Liebe. An diesem Platz befindet sich unsere Heimat. An diesem Platz werden wir höchstes Glück, tiefste Wahrheit und innigste Seligkeit empfinden. Doch wenn wir diesen Platz nicht haben, sind wir arme Geschöpfe die in der Welt umherirren. Es wird Zeit, dass wir wieder zu unserer Heimat zurückfinden.
Bernd Bieder



