Sein oder Nichtsein

Wir leben in einer Zeit, in der viel von "Sein" und "Bewusstsein" die Rede ist, von Esoterik und von positivem Denken. Unzählige Workshops und Seminare werden angeboten. Meditationstechniken werden sogar an Volkshochschulen gelehrt. Fernöstliche Weisheitslehren geben sich bei uns die Ehre. Esoterische Themen haben offenbar Hochkonjunktur. Es ist gut so, dass sich Menschen Gedanken über ihre Existenz machen und über den tieferen Sinn ihres Lebens.
Wir leben in einer Zeit, in der eine noch nie da gewesene Anzahl von Psychologen und Psychotherapeuten existiert. Sie betreuen eine noch weit größere Zahl an Klienten. Hinzu kommen unzählige Trainer für Geist und Kommunikation. Es ist gut so, die Tiefen der Seele und die Funktionen des Geistes zu erforschen.
Wir leben in einer Zeit, in der ökologische Themen populär geworden sind. Das Wort "Umweltbewusstsein" schreiben sich viele gern auf ihre Fahnen. Ob nun berechtigt oder nicht, es ist gut so, diese Notwendigkeit wach zu halten.
Wir leben in einer Zeit, in der ein noch nie da gewesenes Heer an Ärzten, Professoren und Heilpraktikern besteht. Sie alle sind anscheinend bemüht darum, den Menschen zu helfen. Das ist ehrenwert und sicher ebenfalls gut so.


Globale Katastrophe

Wir leben in einer Zeit, in der sich die Menschen wie niemals zuvor am Rande einer globalen Katastrophe befinden. Die Existenz des gesamten Planeten steht auf dem Spiel. Ein globaler Kollaps und eine Klimakatastrophe rollen auf uns zu. Trotz sicherlich vorhandener positiver Ansätze und Bemühungen in den letzten Jahrzehnten sind wir von dieser Grundsituation kaum einen Millimeter abgerückt. Millionen von Menschen kämpfen um ihre Existenz. Wirtschaftliche Interessen stehen über allem anderen. Es ist, als ob wir uns alle auf einem Schiff namens Titanic befinden. Und was noch schlimmer ist, wir wissen, dass ein Eisberg auf uns zukommt, auch wenn wir dies gerne verdrängen. Wir wissen, dass unser Kurs nach wie vor in Richtung Abgrund geht. Doch wir sind nicht in der Lage, diesen Kurs entscheidend zu ändern. Wir richten die Kabinen vielleicht hin und wieder etwas anders ein, ein neuer Anstrich, neue Möbel, eine neue Tapete. Die Musik im Salon ändert sich dann und wann. Doch das Schiff fährt mit voller Kraft voraus, weiter in Richtung Katastrophe.
Es ist tröstlich, dass die Konfrontation des Kalten Krieges heute nicht mehr besteht. Doch wir haben nach wie vor ein noch nie da gewesenes Potential an Zerstörung. Wir kultivieren es sogar fortwährend.
Es stimmt zuversichtlich, dass es viele Menschen gibt, die diese Entwicklung nicht mehr mitmachen wollen, die erkannt haben, so geht es nicht weiter. Doch es reicht leider noch nicht aus, um das Steuer wirklich herumzureißen. Resignation und Gleichgültigkeit sind ein steter Begleiter. Egoistische Interessen scheinen lohnender zu sein. Wenn schon nicht die Erde retten, dann zumindest sein eigenes Ego. Eine trügerische Illusion. Ein verheerender kollektiver Irrtum.
Ich beobachte die Entwicklung seit Jahren sehr genau. Trotz allem bin ich immer noch optimistisch. Doch eines ist mir dabei aufgefallen. Es gibt ein Thema, mit dem man sich in der breiten Öffentlichkeit kaum näher beschäftigt. Jedenfalls nicht in einer Weise, die unsere bestehenden Verhältnisse wirklich ernsthaft in Frage stellen könnten. Das ist die Ernährung.


Gesunde Ernährung

Wir sind doch aber heute in unserer westlichen Welt so gut ernährt wie nie zuvor, heißt es da. Dass man sich gesund ernähren sollte, ist nichts neues. Doch was zu einer gesunden Ernährung gehört, darüber streiten sich die Geister. Und die zahlreichen Diäten, das hat sich gezeigt, bringen uns in der Regel auch nicht weiter. Wir spenden den Armen Getreide und Milch. Wir leben heute länger als früher. Wirklich? Die Essener jedenfalls vor etwa 2000 Jahren wurden nicht selten 120 Jahre alt. Die Arandú-Indianer ebenfalls, obwohl letztere in den Tieftropen lebten und keinerlei medizinische Versorgung wie wir kannten. Nach jüngeren Untersuchungen muss man das Bild von den angeblich früh sterbenden Urzeitmenschen ebenfalls sehr korrigieren. Es werden immer mehr Fakten bekannt, die an den Grundpfeilern unseres bisherigen Weltbildes nagen. Doch sich mit so etwas profanem wie der gesunden Ernährung zu befassen, das ist für Weisheitssuchende, die sich über Sein und Bewusstsein Gedanken machen, beinahe eine Zumutung. Oder?


Körper und Geist

Seit alters her ist in den Weisheitslehren bekannt, dass der Körper den Geist beeinflusst und umgekehrt. Welche Schlussfolgerungen haben all die Meditationsmeister, Psychologen, Psychotherapeuten, Ärzte usw. hinsichtlich der Ernährung daraus gezogen? Fast keine. Es gibt Meditationsmeister mit dicken Bäuchen, für die die Ernährung angeblich überhaupt nicht wichtig ist. Warum sind sie dann aber so dick? In Veröffentlichungen über esoterische Fragen ist das Thema Ernährung ebenfalls kaum zu finden. Ärzte haben sich darauf eingestellt, falls überhaupt, ihren Patienten eine "ausgewogene Ernährung" zu empfehlen. Aber was ist das? Psychotherapeuten suchen fast überall, nur nicht ernsthaft im Bereich der Ernährung.
Die Bemühungen, mit denen sich zahlreiche Menschen für mehr Klarheit und ein bewussteres Leben einsetzen, sollen keineswegs gering geachtet sein. Aber erreichen sie soviel Bewusstsein und Klarheit, dass der Kurs in Richtung globale Katastrophe verhindert oder korrigiert wird? Sie schaffen es nicht einmal, Klarheit für Zehntausende Suchende zu schaffen, die nach Jahren der Therapie oder der Kontemplation zumeist immer noch mehr oder weniger auf der Stelle treten. Sie schaffen es nicht, klare Antworten auf die großen Fragen der Menschheit zu geben. Auch nicht mit positivem Denken. Man versucht mit dem Intellekt etwas auf der metaphysischen Ebene zu erreichen. Ist das nicht merkwürdig und schon in sich selbst widersprüchlich? Außerdem, woher wissen wir, dass ein Gedanke positiv ist? Dahinter befindet sich immer eine Wertung und diese ist mit einem Glaubenssystem verbunden. Doch ein solches System kann auch große Irrtümer enthalten.
Nun, aber was hat das alles mit Ernährung zu tun? Eines steht fest. Die Ernährung ist ein fundamentaler Bestandteil des Lebens. Ohne sie würde nichts funktionieren. Das Leben scheint geradezu daraufhin ausgerichtet zu sein, dass es sich durch die Ernährung immer wieder neu transformiert. Aber welche Art von Ernährung wäre die geeignete, das ist die Frage? Mit der gängigen Empfehlung zu einer ausgewogenen Ernährung kommen wir da nicht weiter. Und mit dem milden verächtlichen Lächeln einiger "abgehobener" Zeitgenossen, für die die Ernährung angeblich keine Rolle spielt, auch nicht.


Entwicklungsgeschichte

Um diese Frage zu beantworten, genügt es nicht unsere Eltern oder Großeltern zu befragen. Wir müssen viel weiter zurückgehen. Wir müssen die gesamte Entwicklungsgeschichte des Lebens betrachten. Unter welchen Bedingungen, über welche Zeiträume und mit welcher Nahrung hat sich das Leben zu dem entwickelt, was wir heute sind? Das Leben auf der Erde ist mindestens zwei Milliarden Jahre alt. Die weitaus längste Zeit ernährte es sich vom Leben, also von der lebendigen unveränderten Natur. Kochen, Backen, Braten etc., das gibt es erst seit einigen tausend Jahren. Evolutionsgeschichtlich ist das ein winziger Zeitraum, selbst als Spur kaum erkennbar. Schon geringe genetische Prägungen benötigen Millionen von Jahren. Und was noch wichtiger ist: Das Leben entwickelte sich immer auf Grundlage des Lebens. Die tote Nahrung etablierte sich erst mit der Zivilisation. Dieser Zeitraum ist so kurz, dass wir ein Mikroskop bräuchten, wenn wir ihn auf einem Metermaß im Verhältnis zur gesamten Entwicklungsgeschichte setzen würden. Außerdem macht es auch nicht den geringsten Sinn, dass das Leben, dessen Grundinformation "Leben" ist, sich mit toten denaturierten Produkten gedeihlich entwickeln sollte.
An dieser Stelle fangen zahlreichen Zeitgenossen vielleicht die Knie an weich zu werden. Sollten wir den kulinarischen Kunstgriff als kollektiven Irrtum der Menschheit betrachten? Nein, lieber nicht. Das würde ja fast alles in Frage stellen. Oder vielleicht doch? Vielleicht würde es sich lohnen, eine solche grundlegende Infragestellung zu wagen.


Erste Grillfeten

Als unsere Vorfahren die ersten Grillfeten feierten, konnten sie nicht ahnen, welchen Weg sie dabei einschlugen. Sie konnten nicht wissen, dass in einer einzigen Grillkartoffel schon 450 verschiedene Substanzen enthalten sind, die in der Natur nicht vorkommen und von denen zahlreiche auch noch kanzerogene Eigenschaften besitzen. Inzwischen wird unserer Körper täglich mit einer ganzen Lawine aus denaturierten Substanzen überschwemmt. Wie soll er mit all diesen Fehlinformationen auf Dauer fertig werden? Wie soll er damit fertig werden, dass die molekularen Schlüssel nicht mehr zusammenpassen? Wie soll er damit fertig werden, dass die seit Urzeiten bestehenden genetischen Programmierungen eine andere Nahrung in ihm erwarten? Wenn ein Baumeister ungeeignete Materialien für sein Gebäude verwendet, wird es zwangsläufig instabil oder sogar schon nach kurzer Zeit zusammenbrechen. Auch unser Körper ist ein Bauwerk, eine gigantische Konstruktion, in der Billionen kleiner Bauteile zu einer Gesamtheit zusammengefügt werden. Würde man allein die DNA-Ketten unseres Körpers aneinander reihen, käme man auf eine Entfernung, die 600 Mal von der Erde bis zur Sonne reicht. Die einfache Distanz bis zur Sonne beträgt rund 150 Millionen Kilometer.


Rohkost Erfahrungen

Ich kann aus eigenen Erfahrungen berichten und kenne auch viele andere Personen, die sich jahrelang (manche sogar Jahrzehnte) überwiegend oder sogar ausschließlich von Rohkost ernähren. Sie leben immer noch, und dass mit Begeisterung. Doch es sind keine Asketen. Genuss wird sehr groß geschrieben. Was mich selbst betrifft, so möchte ich sagen, ich kenne beide Seiten. Die gut bürgerliche Ernährung und die Rohkost. Es war meine freie Entscheidung schon vor vielen Jahren, zur Rohkosternährung zu wechseln. Also zu einer Ernährungsform mit lebendigen Produkten, mit wirklichen LEBENSmitteln. Ich habe inzwischen einen Lebensgenuss kennen gelernt, der das, was ich zuvor kannte, um Längen übertrifft. Dies stellte sich aber erst nach einer gewissen Zeit ein. Wenn man die Rohkost nur als Nachtisch oder als Beilage verzehrt, oder wenn man nur minderwertige Produkte dafür zur Verfügung hat (wie sie der normale Handel zumeist bietet), ist das noch nicht zu erwarten. Dazu ist ein konsequenterer Weg notwendig. Auf diesem Weg macht man Erfahrungen, die man vorher nicht kannte und die man auch nicht vermutet hätte. Es ist, wie an ein anderes Ufer zu gelangen. Doch es gibt auch einige Klippen bis dahin. Man muss einiges neu lernen. Freilich, auch mit der Kochkost gibt es einen Genuss. Aber es ist ein Scheingenuss. Wir können Kraft unserer theoretischen Intelligenz ein unangemessenes oder schlechtes Produkt solange denaturieren und würzen, bis es unserem Gaumen schmeichelt, obwohl wir das gleiche im naturbelassenen Zustand ablehnen würden.
Kommen wir wieder zu den Begriffen Körper und Geist. Es ist klar, dass sie sich gegenseitig beeinflussen. Dass der Geist den Körper beeinflusst, wollen Weisheitssuchende gerne akzeptieren. Dass aber umgedreht der Geist auch vom körperlichen bzw. vom materiellen lebt oder davon beeinflusst wird, will man schon weniger einräumen. Man glaubt, mit der richtigen Meditationstechnik oder mit positivem Denken wird sich das schon richten. Und am stärksten, so scheint es mir, wird bei den Thesen applaudiert, die sich sehr schön anhören, aber nichts am Lebenswandel ändern.
Wir wissen heute, dass der Körper dringend vitale Inhaltsstoffe aus der Nahrung benötigt. Doch in der gekochten Nahrung sind diese praktisch nicht mehr vorhanden. Kein gerösteter Kern wird jemals wieder eine neue Pflanze hervorbringen. Das funktioniert nur, wenn das Leben in dem Naturprodukt nicht zerstört wird. Wir wissen, dass es im Körper ein riesiges Netz aus Nervenzellen gibt, und dass dieses Nervensystem durch die denaturierten Substanzen aus der Kochkost endogen gereizt und erregt wird. Aber wir kommen kaum auf die Idee, dass dies entscheidende Wirkungen auf unser aller Verhalten mit sich bringt. Seit zwei Jahrzehnten ist bekannt, dass Getreideprodukte, insbesondere die aus Weizen, Schizophrenie fördern. Das Gluten - also der schleimartige Proteinbestandteil des Mehlkörpers - hat sich als eine Hauptursache bei Störungen des Nervensystems erwiesen, von den anormalen Ablagerungen im Körper ganz zu schweigen. Die Forderung nach Brot für die Welt ertönt weiter, ohne zu erkennen, dass darin vielleicht ein Fluch liegt. Das mag vielleicht auf manche wie Ketzerei wirken. Die Grundsäulen unseres Selbstverständnisses und unserer Kultur geraten wirklich ins wanken. Doch es sind einfach Tatsachen, die durch Ignoranz nicht zu ändern sind.


Anormale Moleküle

Bereits 1916 wurden anormale molekulare Substanzen entdeckt (nach ihrem Entdecker Maillard-Moleküle genannt), die durch den Garprozess entstehen und die den Organismus vor große Schwierigkeiten stellen. Dies geriet durch die beiden Weltkriege zunächst in Vergessenheit, wurde aber in jüngster Zeit erneut bestätigt. Ethologisten der Universität Melbourne fanden vor einigen Jahren heraus, dass Getreide- und Milchprodukte, die bekanntlich in unseren hoch entwickelten Zivilisationen zu den am häufigsten verzehrten Nahrungsmitteln gehören, Exorphine - also abhängig machende euphorisierende Substanzen - enthalten. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass wir davon nicht loslassen wollen, ohne zu ahnen, um welches Glück wir uns dabei tatsächlich bringen. Ebenso wurden erst jüngst von spanischen Forschern süchtig machende Stoffe in Schokolade entdeckt, so genannte neuroaktive Alkaloide. In Wein und Bier hatte man dergleichen ohnehin schon festgestellt, und ebenso in einigen bislang als nicht süchtig machend geltenden Speisen. Bleibt nicht mehr viel übrig auf der Tafel.
Seit ein paar Jahrzehnten ist bekannt, dass in den Zellen unseres Körpers so genannte Biophotonen existieren. Dies sind winzige Lichtteilchen, die mit Lichtgeschwindigkeit Informationen austauschen. Auch in allen anderen lebendigen Zellen sind sie vorhanden, also genauso in der lebendigen Nahrung. Stirbt jedoch eine Zelle, z.B. im Kochtopf, dann erlischt auch darin das Licht. Die Biophotonen sind dann nicht mehr vorhanden. Vielleicht wäre es keine schlechte Idee darauf zu achten, künftig wieder konsequent eine Nahrung aus unverfälschter Natur zu verzehren, in der also Biophotonen enthalten sind. Vielleicht würde uns ja dann ein Licht aufgehen.


Systemfehler aufdecken

Sein oder nicht sein wird sich daran entscheiden, ob es uns gelingt kulturelle Irrtümer und Systemfehler aufzudecken, zu verstehen und zu korrigieren. Das ist eine Voraussetzung für die Evolution des Bewusstseins. Die bisherigen Rezepte jedenfalls haben uns da nicht viel gegeben. Ebenso wenig nützt es, sich dualistischer Schicksalsgläubigkeit hinzugeben.
Doch dieser Weg beginnt nicht beim Staat oder einer Partei, nicht bei einem Verein und auch nicht in irgendeiner Kirche. Dieser Weg beginnt bei jedem Einzelnen selbst. Es ist kein Verzicht, sondern ein großer Gewinn, den wir damit erreichen können. Denken wir das nächste Mal selbstkritisch daran, wenn wir den Mund öffnen und eine Speise in unseren Körper hineinlassen. Ist diese ein Produkt der Natur oder ein Produkt der Verfälschungen und des Egos? Reißen wir uns ruhig etwas am Riemen, wenn es eine gewisse Überwindung kostet, diesen Weg zu gehen. Wir können alles gewinnen oder alles verlieren.
Wie heißt es in den heiligen Schriften so schön: "Wer mich gefunden hat, steht am Anfang zu allen Dingen." Mir scheint, wir haben bisher an wichtigen Stellen vergessen zu suchen.


Bernd Bieder