Kapitel 25 -- Liebe und Sexualität - Hintergründe und Entwicklungen

Rohkost Buch
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Es gibt bei uns Menschen Liebe ohne Sexualität, Liebe mit Sexualität und Sexualität ohne Liebe. Letzteres z.B. in der Prostitution. Die Prostitution wird zwar immer wieder als ältestes Gewerbe der Welt bezeichnet, aber wir werden noch sehen, dass sie eigentlich ebenfalls nur durch unsere kulturellen Irrtümer entstehen konnte, jedenfalls in der Form, wie wir sie heute kennen. Liebe ohne Sexualität trifft man im Verhältnis von Eltern zu Kindern und umgedreht. Aber es gibt mitunter auch Erwachsene, die sich lieben ohne Sexualität. Doch das ist, von sehr alten Menschen abgesehen, eher die Ausnahme. Man muss sehr bezweifeln, ob eine Liebe, die niemals zur Sexualität führt, wirklich das voll erblühte Verhältnis darstellt, das zwischen erwachsenen Menschen entstehen sollte. Viel eher befinden sich dahinter wieder einmal verschiedenste Irrwege, Fehlbeurteilungen, psychische Probleme, Ängste oder auch Komplexe. Es gibt eine ganze Reihe von Konstellationen, in denen Menschen die Liebe nicht wirklich ausleben können. Oder sie befinden sich in einer Situation, in der sie die Impulse der Liebe nicht oder nicht präzise wahrnehmen.

Die mit Abstand häufigste Form ist die Liebe im Zusammenhang mit der Sexualität. Auch der edelmütigste Prinz wird irgendwann mit seiner Prinzessin im Bett liegen wollen und umgekehrt. Kein Mensch in einer Liebesbeziehung, von sehr alten freilich abgesehen, würde es lange bei einem anderen aushalten ohne Sex. Doch gerade im Bereich der Liebe und der Sexualität haben wir so viele Probleme. Sie beginnen schon in unserer Sprache. Wir sprechen oft von Liebe, meinen dabei aber Sex. Oder manchmal sprechen wir von Sex, aber eigentlich ist es beides, Liebe und Sex. Eines ist jedoch klar, Liebe tritt am häufigsten in Verbindung mit Sexualität auf. Wobei dies nicht zwangsläufig im Umkehrschluss bedeutet, dass Sexualität genauso häufig mit Liebe vorkommt. Bei manchen Partnern, die sich zunächst sehr liebten, bleibt eines Tages nur noch der Sex, ohne Liebeszauber. Oft ist es auch so, dass sich die Grenzen verwischen. Es ist also nicht ganz einfach, diese Wörter zu verwenden, zumal sie ja auch ungenau im allgemeinen Sprachgebrauch angewandt werden. Allein der Begriff der Sexualität ist oftmals nicht ganz klar. Was ist Sexualität? Manche verstehen darunter nur den reinen Geschlechtsakt. Aber Sexualität ist viel mehr. Schon ein Kuss kann sexuell sein, oder auch Hände, die einen anderen Körper berühren. Nun wäre es sicher recht müßig, würde ich jedes Mal spezielle Randbemerkungen machen müssen, um zu erklären, in welchem Sinne ich das gerade meine. Außerdem denke ich, dass sich das Gemeinte auch aus den umliegenden Inhalten heraus erklärt, auch ohne Fußnoten.

Die Sexualität ist zweifellos einer der wichtigsten Bereiche des menschlichen Lebens. Doch sie ist auf besonders tragische Weise von der Aufnahme denaturierter Nahrungsmittel und den daraus entstehenden Folgen betroffen. Dass es da überhaupt einen Zusammenhang gibt und wie gravierend und tiefreichend dieses Problem ist, dürfte die meisten von uns sehr überraschen. Man kommt nicht so schnell auf die Idee, dass unser Sexualverhalten maßgeblich beeinflusst wird von der Art der Nahrung, die wir in unseren Körper aufnehmen. Wer denkt schon daran, dass z.B. das Brot, das man täglich isst, einen negativen Einfluss auf die Sexualität hat, oder der Joghurt oder die Schokolade. Man sieht ja überall Leute, die diese Dinge essen. Und man sieht auch überall die gleichen Probleme unter den Menschen, so dass man vermutet, dies würde alles normal sein. Die Folgen sind aber in der Tat so umfangreich und dramatisch, dass dieses Thema zu einem der größten in diesem Buch wurde. Es kostete einige Mühe diese Komplexität zu durchdringen, zumal sich darin eine Menge Irrtümer und Voreingenommenheiten zu einem beinahe hoffnungslos verstrickten Knäuel verbunden haben, dessen Inhalte die Sicht- und Lebensweisen der Menschen beeinflussen, und zumal auch ganz wichtige Erfahrungen, die zu unserem Leben gehören sollten, einfach fehlen. Fangen wir also an, uns Schritt für Schritt da hindurch zu arbeiten. Wir brauchen dazu die Erkenntnisse der vorausgegangenen Abschnitte und wir brauchen weitere Themeninhalte, um in diesem Gebiet erfolgreich und klärend voranzukommen.

Wenn der Ernährungsinstinkt so etwas wie die Führung für die richtige Nahrung ist, so gibt es auch im Bereich der Sexualität für uns Menschen eine Führung. Das ist die Liebe oder der Liebeszauber. Sicher, es gibt wie gesagt auch Sex ohne Liebe. Doch wenn wir uns in diesem Bereich wirklich von der Liebe, vom Liebeszauber oder der liebeserfüllten Entzückung leiten lassen, bringt uns das zu den beglückendsten Erlebnissen, die wir Menschen überhaupt miteinander haben können. Im Bereich der Ernährung, also im stofflichen Bereich, werden wir für die richtige Nahrung mit himmlischen Phasen und mit einer tiefen Zufriedenheit belohnt. Für die richtig getroffene Sexualität erhalten wir auch eine Belohnung, diesmal im Bereich der Seele. Es ist ebenfalls eine Art Nahrung, doch eine mit metaphysischer Energie. Sie ist ebenso mit wunderbaren himmlischen Phasen verbunden, nur auf einer anderen Ebene, die zudem dem Begriff "himmlisch" noch weit näher steht als in der materiellen Nahrungsebene.

Nun betrachten wir aber einmal mit dieser Vorstellung unsere Lebensweise und unsere Kultur. So werden wir Erschreckendes feststellen. Genauso, wie man im Bereich der Ernährung durch unsere kulturellen und kulinarischen Irrtümer meistens nicht dem Ernährungsinstinkt folgt und auch gar nicht folgen kann, folgt man im Bereich der Sexualität meistens nicht der Liebe. Die Menschen schmachten in ihren Liedern, in Romanen, in Bühnenwerken und in vielem mehr nach dieser tief beglückenden, erfüllenden Liebe, doch in ihrem Leben finden sie sie kaum; jedenfalls viel zu wenig davon und viel zu selten. Der Verlust der Liebe ist neben dem Abweichen von der natürlichen Nahrung das größte Drama, das sich in der Geschichte der Menschheit ereignete.
Erinnern wir uns an die drei Hauptursachen der Beeinflussung unserer Psyche durch die Ernährung und stellen wir da das Thema der Sexualität und Liebe mit hinein. Die erstgenannte Hauptursache war die Prägung und Strukturierung der Psyche durch unsere Kultur. Unsere Psyche ist so sehr durch die Vorstellungen unserer Kultur geprägt, dass wir eher diesen Inhalten und Ansichten folgen als der Liebe. Die Liebe ist da, sie könnte uns sicher führen, doch wir sehen sie oftmals nicht. Selbst wenn wir sie erkennen, vertrauen wir uns meistens nicht ihrer Führung an. Vielmehr zwängen wir uns in ein Korsett, das uns unsere Kultur und die allgemeinen Anschauungen vorgeben. Wir zwängen die Liebe und uns selbst in die Beurteilungen des Intellektes. Es ist unmöglich, davon nicht betroffen zu sein. Es sind eine Unmenge an Glaubensvorstellungen, Mustern und Dogmen in unserer Kultur vorhanden, die einfach alles unterwandern und durchdringen, und die sich in unserem Unterbewusstsein manifestiert haben, doch die sich nicht unbedingt in Übereinstimmung mit der Liebe und mit den wirklich natürlichen Verhältnissen befinden. Wir orientieren uns an gesellschaftlichen Zwängen und Denkweisen, an wirtschaftlichen Erwägungen, an den Medien, an der erfahrenen Erziehung, an Abhängigkeiten, an unserer beruflichen Situation, an Berechnungen für unsere Zukunft und an manchem mehr. Nur an einem orientieren wir uns kaum, an der Liebe.

Der zweite Punkt war die Umkippung des Befragungszustandes zum Behauptungszustand. Mit Behauptungshaltung im Bereich der Liebe vorzugehen macht natürlich vieles kaputt. Das ist wie Gift. Die Liebe gehört selbstverständlich zur Ebene des Solarplexus und damit zur Ebene der Befragung. Das ist eigentlich auch schon deutlich geworden. Kommt dann noch der dritte Punkt - die Reizung des Nervensystems durch anormale Substanzen und die dabei entstehenden Rückkopplungen - hinzu, dann ist die Katastrophe komplett. Dann erreichen wir viel Streit, viel Eifersucht, viel Missverständnisse, viel Hass, viel Zerstörung und viel Energieverschwendung. Nur eines erreichen wir kaum, die magische Energie der Liebe.

"Die Liebe ist ein Kind der Freiheit", sagt ein französisches Sprichwort sehr treffend. Diese Freiheit aber wirklich zu akzeptieren und zu leben, damit haben wir die größten Schwierigkeiten. Dies würde nämlich bedeuten, dass man all die unbewussten Dogmen und Glaubensvorstellungen und all die vermeintlichen gesellschaftlichen Wichtigkeiten über Bord wirft und sich zuerst nach der Liebe richtet. Wenn wir bei diesem Gedanken ein wenig verweilen, merken wir sofort, dass in uns große Fragen auftauchen. Wie kann denn das gehen? Unsere Kultur und Gesellschaft sind doch ganz anders organisiert! Genau das ist auch der Punkt. Unsere Gesellschaft ist so organisiert, dass wir, falls überhaupt, viel zu oft als Letztes der Liebe folgen. Wobei auch noch verschiedenste Rechtfertigungen unterschwellig mit im Spiel sein können, womit wir uns selbst etwas vormachen. Um aber wirkliche Erfüllung in der Liebe zu finden, müsste es genau umgedreht sein. Jugendliche versuchen das noch sehr oft. Aber auf kurz oder lang geraten sie in die gleichen Bahnen wie die Erwachsenen. Haben sie dann erst einmal eine Reihe von Enttäuschungen hinter sich, werden auch sie vorsichtiger, vorsichtig gegen die Liebe.

Menschen heiraten doch heute überwiegend aus Liebe, wird gesagt. Dies mag vielleicht so sein. Wobei ich hinzufügen möchte, dass sie auch heiraten, eben weil zu wenig Liebe da ist, und um sich durch diese Heirat ihre Liebe und Sexualität für sich abzusichern; womit sie natürlich den vorgenannten Umstand wiederum verschlimmern. Denn sie wachen ja dann über ihre Liebe. Erinnern wir uns an die Schmusergeschichte. Aber, gehen wir ruhig einmal davon aus, dass sie überwiegend aus Liebe heiraten. Was dann? Was, wenn ein paar Jahre später oder sogar schon nach einigen Monaten Liebesimpulse nach außen auftauchen? Werden sie dann diesen Impulsen und damit der Liebe folgen? Wir wissen alle, welche Schwierigkeiten da bestehen.

Wenn sich Menschen kennen lernen, die eine Beziehung suchen, dann ist es sicherlich im Normalfall so, dass zumindest eine gewisse Entzückung für den anderen da sein muss, um sich auf eine Annäherung einzulassen. Aber das ist meistens nur ganz am Anfang von ausschließlicher Bedeutung. Danach folgt häufig ein "Abklopfen" der anderen Person. Man prüft subtil die materiellen oder beruflichen Verhältnisse, man prüft, ob es vielleicht noch eine andere Person gibt, mit der dieser Mensch eine Beziehung hat, man prüft, ob sein Wohnort einigermaßen günstig erreichbar ist, man prüft lauter Äußerlichkeiten oder orientiert sich an Sachzwängen, bevor man sich auf tiefere Gefühle einlässt. Aber man vertraut nicht oder viel zu wenig der Liebe. Man ordnet ihr nicht alles Weitere unter. Jugendliche oder sehr junge Erwachsene, neigen, wie gesagt, noch eher dazu. Aber wenn man erst einmal ein paar Jahre älter geworden ist, hat man das Vertrauen zur Liebe verloren. Allein unsere gesellschaftlichen Zwänge haben uns dann so sehr im Griff, dass wir anders gar nicht leben können, als uns ihnen zu unterwerfen. Schon die Mütter werden ihren Töchtern zumeist raten (direkt oder auch unterschwellig) einen Mann zu heiraten, der sie wirtschaftlich absichern kann. Und die Söhne werden zu hören bekommen, dass sie sich um einen guten Job kümmern sollen, bei dem sie genug Geld verdienen. Das sagen jene Erwachsenen, die, auf dem Weg zur Arbeit oder auch in anderen Situationen, davon träumen, endlich einmal wieder hemmungslos der Liebe zu begegnen, doch die diese Träume zumeist schnell wieder als Illusion begraben.
Wenn man Menschen im Kino beobachtet, bei einem Liebesfilm, in dem sich die Liebenden den Zwängen ihrer Umwelt widersetzen und einfach durchbrennen, auf und davon, nur ihrer Liebe folgend, dann kann man in den Augen und Reaktionen der Zuschauer freudige und zustimmende Anteilnahme erkennen. Die Menschen spüren, dass darin etwas sehr Wahres liegt und dass uns unser gesellschaftliches Leben meistens viel zu sehr einengt. Vielleicht erinnern sie sich auch wehmütig an eigene Erfahrungen und daran, dass sie selbst einmal am liebsten durchgebrannt wären, aber dann doch von der bestehenden Wirklichkeit eingeholt wurden.

Später, wenn man sich dann für eine Person entschieden hat, geschieht noch etwas Einengendes. Dann klammert man sich nicht selten fest an diese Person, womit andere Liebesimpulse, die darüber hinaus gehen könnten, gleich erstickt werden. Irgendwann merkt man vielleicht noch, dass es auch andere Bedürfnisse gibt, die außerhalb der eigenen Zweierbeziehung befriedigt werden wollen. Doch dann gerät man in einen Strudel aus Schuldgefühlen und Konflikten oder in eine selbsterzeugte massive Unterdrückung. Wirklich den Liebesimpulsen folgen und unbefangen Spaß haben an einer tief erfüllenden freien Sexualität, das scheint etwas unglaublich Schwieriges in unserer Kultur zu sein. Wir werden auch nicht müde, diesen Mangel mit den unterschiedlichsten Begründungen zu vertuschen oder zu rechtfertigen. So werden Liebesimpulse schon im Keim erstickt, nur um den gesellschaftlichen Konditionierungen oder den eigenen Vorstellungen Rechnung zu tragen, und so wird eine verkrampfte Situation erzeugt, in der solche Impulse ohnehin nur schwer aufkommen können.

Niemand wird lange suchen oder überlegen müssen, um festzustellen, dass zum Thema Liebe und Sexualität große Widersprüche, Schmerzen, Leiden und Schwierigkeiten überall bei uns bestehen. Etwas in unserer Liebensweise stimmt offenbar nicht und führt uns zu furchtbaren Konflikten. Da, wo wir Liebe suchen, finden wir nicht selten Hass, oder wir erhalten Zerstörung statt Aufbau, oder Depression statt Erfüllung. Obwohl wir bei uns im Westen seit den sechziger Jahren eine sexuelle Revolution durchgemacht zu haben glauben und einige Änderungen sicherlich auch erreicht wurden, sind wir von einer wirklich befreiten Sexualität immer noch meilenweit entfernt. Unsere Sexualität ist nach wie vor zumeist entweder unterdrückt und mit unzähligen Komplexen oder hemmenden Glaubenssätzen behaftet, oder sie kippt auf der anderen Seite im Extremfall gleich in die Pornographie um. Es ist eine traurige Tatsache, dass die weitaus meisten von uns einen ungestillten Durst nach erfüllter Sexualität und Liebe haben, dem sie häufig nur mit selbstzerstörerischen Ersatzbefriedigungen oder eben mit Unterdrückung zu begegnen vermögen.

In unserer Kultur wurde die Sexualität durch die Religionen mit dem Begriff der Sünde eng verknüpft. Und auf dem Höhepunkt des Puritanismus im 19. Jahrhundert wurde sogar alles, was nicht mit Fortpflanzung zu tun hatte als pervers betrachtet. Doch trotz aller Verteufelungen und Verbiegungen, trotz aller Enttäuschungen und Niederlagen, egal ob krank oder gesund, Sex und Liebe sind unser Thema Nummer eins. Wir halten ihm, wenn es sein muss, auch heimlich weiterhin die Treue.

Beobachten wir uns doch einmal ehrlich, wie wir durch das Leben gehen und wie oft wir dabei an Sexualität denken oder unsere Empfindungen damit in Berührung kommen. Beobachten wir uns, wenn wir im Bus oder in der Bahn sitzen und die anderen Fahrgäste mustern oder auch die Anwesenden irgendeiner Versammlung. Beobachten wir uns dabei, wie wir den anderen auf den Po oder ins Gesicht oder an andere Körperstellen schauen, und wie jene Personen in unserer Gunst oder Missgunst steigen bzw. sinken können, je mehr oder weniger wir von ihrem Anblick erotisch berührt werden. Beobachten wir uns, wenn wir Illustrierte oder Bücher nach erotischen Inhalten durchstöbern, und beobachten wir uns, wie wir erotische Ausstrahlungen auch selbst zur Geltung bringen wollen, z.B. beim Ankleiden. Stets und ständig sind immer wieder sexuelle Gedanken, Impulse oder Empfindungen in unserer Psyche mit im Spiel, auch wenn wir diese nach außen hin verbergen und auch, wenn wir es selbst nicht offen zugeben wollen.

Viele Menschen würden energisch widersprechen und erklären, dass sie nicht gleich an Sex denken, wenn sie eine andere Person, die ihnen gefällt, das erste Mal sehen. Das mag auch durchaus richtig sein, jedenfalls in einer gewissen Weise. Dennoch ist aber der Grund, warum ihnen diese Person gefällt, von erotischen Wahrnehmungen und Inhalten begleitet. Dies läuft blitzschnell im Unterbewusstsein ab. Die Entscheidung für oder gegen eine Person fällt meistens in den ersten drei Sekunden, oft sogar schon in ein bis zwei Sekunden. Zahlreiche Studien sind immer wieder genau zu diesem Ergebnis gekommen. Wenn man da nicht sicher ist oder sogar einen ablehnenden Impuls hat, braucht man gar nicht weiter zu machen; jedenfalls nicht mit einem Hintergrund, der über einen bekanntschaftlichen oder freundschaftlichen Kontakt hinaus gehen könnte. Ein einziger Blick genügt also, um grundsätzlich innerlich zu wissen, ob man sich mit dieser Person auf etwas Intimeres einlassen würde oder nicht. Doch in dieser kurzen Zeit ist es überhaupt nicht möglich, z.B. den Charakter zu prüfen oder die inneren Werte, von denen mitunter so viel geredet wird. Was aber in dieser Kürze möglich ist, das ist die Wahrnehmung erotischer Merkmale. In Sekunden hat man die Person mit den Augen abgetastet. Das soll nicht heißen, dass innere Werte gar keine Rolle spielen. Doch für ein grundsätzliches Ja oder Nein können sie in den ersten drei Sekunden überhaupt nicht in Betracht kommen. Natürlich ist es oft auch so, dass allein in der Physiognomie und im Gesamterscheinungsbild des Menschen gewisse Züge durchschimmern, die sofort gesehen werden und somit die Auswahl beeinflussen. Doch ein Mensch mit den besten inneren Werten, die wir uns subjektiv vorstellen, hat dennoch praktisch keine Chance in unseren Augen hinsichtlich einer Beziehung, wenn nicht dieses grundsätzliche erotisch verbundene Ja in den ersten drei Sekunden gefallen ist. Gibt es dieses Ja und die inneren Werte, dann um so besser. Aber ohne Ja, das ist Selbstbetrug, aus welchen Gründen auch immer. Dieses Ja bedeutet aber noch nicht unbedingt Liebe. Doch es ist eine wichtige Basis dafür, dass darauf etwas emotional tiefes und damit auch Liebe erblühen kann.

Oft hört man auch von der Liebe auf den ersten Blick, was genau zu diesem Bereich gehört. Aber diese Liebe würde ebenfalls nicht aufkommen, wären da nicht gleichzeitig erotische Merkmale, die uns motivieren. Eine Liebe auf den ersten Blick ohne Erotik im Hintergrund gibt es nicht. Dennoch wird in unserer Kultur häufig versucht, eine Trennung zwischen Liebe und Sexualität vorzunehmen. Die Liebe wird gerne als sexlose Liebe idealisiert und die Sexualität wird oft als schmutzig oder anrüchig abgewertet.
Betrachten wir einmal die Musik. In den meisten Liedern geht es immer wieder um das eine Thema, um die Liebe. Schon die alten Stücke wurden zumeist durch die Liebe oder durch die Sehnsucht nach ihr inspiriert. Aber es geht doch dabei in Wahrheit nicht nur um die Liebe als ein sexloses Ding. Die Sexualität ist da mit inbegriffen, auch wenn wir sie nicht beim Namen nennen und nicht offen darstellen. Die Liebe bedeutet für uns etwas sehr Hohes oder Heiliges, was sie ja in der Tat auch ist. Wird die Sexualität unverblümt dargestellt, kann es schnell dazu führen, dass dieser hohe Wert beschädigt oder gemindert wird. Das wollen wir möglichst vermeiden. Schon ein einziges sexuelles Wort oder Foto kann genügen, um den Ausdruck einer hohen Liebe in ein weit geringeres Maß zu kippen. Plötzlich kann all dieses Erhabene, Wunderbare und Transzendentale der Liebe kaputt sein. Und dies offenbar durch die Sexualität. Das ist doch merkwürdig. Auf der einen Seite gehört sie fundamental mit zur Liebe und auf der anderen, unter bestimmten Umständen, wirkt sie offenbar zerstörend.

Ein solcher Widerspruch kann nur entstehen, wenn etwas Entscheidendes irgendwo nicht stimmt oder schief läuft, wenn eine gewisse Mitte nicht erreicht wird, wenn man sich nach Modellen und Vorstellungen richtet, die ungenügend sind, wenn Projektionen falscher Inhalte auf die Wirklichkeit erfolgen oder auch, wenn wichtige Inhalte, die vielleicht erreicht werden sollten, einfach fehlen. Wir verstehen zwar nicht, was falsch läuft und wo sich die tieferen Ursachen dafür befinden. Aber wir spüren, dass wir die hohe Liebe durch die Sexualität beschädigen oder in Verruf bringen können. Doch wir wollen diese hohe Liebe eigentlich schützen. Wir merken, zu deutliche sexuelle Anspielungen könnten sie stark abwerten. So verzichten wir, bei einem gewissen geistigen Anspruch, lieber auf Darstellungsweisen, in denen dies geschehen könnte, und so neigen wir auch leicht dazu, eine Trennung zwischen Liebe und Sexualität zu sehen.
Nehmen wir als Beispiel einmal den wunderbaren Mythos von Tristan und Isolde. Stellen wir uns vor, ein Fotograf würde zurückreisen in jene Zeit, würde die Bettdecke der beiden etwas hochheben und aus einer bestimmten Stellung, so von unten, ein paar Fotos machen. Was würde geschehen und was würde das ergeben? Die Menschen würden darauf mit Empörung reagieren. Das wäre Pornografie. Die hohe Liebe würde dadurch kaputt gemacht. Und doch ist es eine Wahrheit, dass dort unter der Bettdecke etwas passiert. Die Sexualität und die Geschlechtsteile gehören dazu. Sie gehören mit zur Liebe.

Die Liebe hat schon so manche Menschen zu den erstaunlichsten Leistungen motiviert, oder auch verführt zu tollkühnen Risiken. Ungezählte Briefe, Lieder und Gedichte wurden und werden in ihrem Namen geschrieben. Sie erfüllt uns mit den wunderbarsten Verzückungen, mit dem herrlichsten Freudentaumel und mit den süßesten orgastischen Glücksgefühlen. Aber mit ihr treten auch immer wieder bittere Enttäuschungen, Leid und zerstörerische Kräfte auf. Besonders im Zusammenhang mit der Sexualität. Kein anderer Bereich in unserem Leben ist so sehr mit Komplexen und Neurosen behaftet wie der Bereich der Sexualität und der Liebe. Wobei in unserem westlichen Kulturkreis in diesem Sinne auch noch ein trauriger Spitzenplatz eingenommen wird. Würden wir alle Einstellungen zur Sexualität, die irgendwann und irgendwo auf der Welt bestanden, in einer Grafik darstellen, abgestuft von pro- bis antisexuell, so würde auf dieser Skala das antisexuelle Syndrom der Industriegesellschaften einen fast einmaligen Platz erreichen. Ebensolche oder sogar stärkere Verdrängung des Sexuellen sind nur in wenigen Kulturen zu finden.

Sexualität und Liebe hängen eng miteinander zusammen, das ist also zweifellos klar. Auch wenn sie in einzelnen Teilbereichen in unserem Leben vielleicht getrennt sind und nicht gemeinsam auftreten. Sicherlich gibt es auch Formen der Liebe in der menschlichen Gesellschaft, die nicht unbedingt mit Sexualität verbunden sind, jedenfalls nicht mit einer geschlechtlichen. Aber spätestens seit Freud wissen wir, dass der ganze Körper ein erotisches und sexuelles Objekt ist. Nicht zuletzt sind wir auch alle das Ergebnis von Sexualität. Ebenso ist es wahr, dass Menschen am liebsten mit solchen Partnern Sex haben, die sie tatsächlich auch lieben. Aber was ist das nur für ein merkwürdiger Widerspruch, dass wir die Liebe in unseren Liedern in den höchsten Tönen besingen und von einer tiefen Erfüllung durch sie träumen, aber in der Praxis damit häufig große Schwierigkeiten und sogar Leiden davontragen? Oder ist es vielleicht normal, dass wir damit so viele Probleme haben?

Nehmen wir einmal nur ein paar Beispiele aus der Öffentlichkeit. Sie haben sich im Jahre 1998 zugetragen, in dem Zeitraum, als ich dieses Buch zu schreiben begann.

... Gegen den damaligen amerikanischen Präsidenten Bill Clinton wurde eine regelrechte Hexenjagd des Repräsentantenhauses veranstaltet, weil er eine Affäre mit einer anderen Frau hatte.

... Im Iran wurde ein deutscher Geschäftsmann zum Tode verurteilt. Ihm wurde vorgeworfen, dass er als Nichtmoslem Sex mit einer moslemischen Frau hatte. Nur nach langwierigen Verhandlungen auf höchster politischer Ebene konnte er vor der Vollstreckung des Urteils bewahrt werden.

... In China forderte ein einflussreicher Frauenbund, dass Ehebrecher mit bis zu zwei Jahren Arbeitslager bestraft werden sollen.

Allein diese wenigen Beispiel zeigen, dass in unserer Welt komplexe Probleme zu diesem Themenbereich bestehen. Die Liebe und die Sexualität werden immer wieder mit moralischer Verurteilung, mit Repression und sogar mit Tod und Gefängnis bestraft. Ist das normal, frage ich? Was geht da vor sich, dass so etwas geschieht. Das, was in unserem Leben mit der größten Entzückung und Erfüllung verbunden ist bzw. sein könnte, wird immer wieder mit schweren Problemen belastet. Sollte das tatsächlich normal sein?

Ist es vielleicht normal, dass in vielen islamischen afrikanischen Ländern noch heute Frauen beschnitten werden und damit das Lustzentrum dieser Frauen vollkommen zerstört wird? Ist es normal, dass Frauen so gut wie überall auf der Welt Vergewaltigungen fürchten müssen? Ist es normal, dass sich Menschen aus Mangel an Liebe umbringen? Ist es normal, dass unzählige Menschen psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen müssen und als Hauptursache die unerfüllte Sexualität erscheint? Ist es normal, dass viele Frauen unter dreißig noch nie einen Orgasmus hatten?
Nein, dies alles ist keineswegs normal, sondern Ausdruck der himmelschreienden Komplexe und Neurosen, die wir mit dem Thema Sexualität nahezu überall auf der Welt haben. Allein in unserer Sprache können wir erkennen, wie weit wir von einer Normalität in dieser Hinsicht entfernt sind. So sind schon die Bezeichnungen unserer Geschlechtsteile entweder klinisch rein oder mit dem Begriff "Scham" verbunden, oder sie sind obszön und anrüchig. Ja, sogar die übelsten Schimpfwörter, die wir bei uns kennen, bezeichnen sexuelle Organe. Normale Wörter für diese unschuldigen Körperteile, die uns so viel Wonne zu spenden vermögen, scheint es nicht zu geben.

Überall in Büchern, Filmen und Theaterstücken und vor allem auch im täglichen Leben begegnen wir dem ewigen Thema Liebe. Doch überall stellen wir auch immer wieder fest, dass in diesem Zusammenhang teilweise erhebliche Schwierigkeiten entstehen. Wenn wir davon ausgehen, dass die Phänomene Liebe, Schmerz, zerstörerische Kräfte usw. existieren, was ja offensichtlich der Fall ist, dann sollte man sich die Frage stellen, ob es vielleicht Liebespaare gibt, die auf längere Zeit dem Bild eines Liebespaares entsprechen, in dem keine zerstörerischen Kräfte entstehen. Das Problem wird sogar noch ein bisschen komplizierter, weil zerstörerische Kräfte viele Formen annehmen können. Es könnte sich auch eine zerstörerische Kraft aus einem Menschen gegen sich selbst richten. Selbstmordimpulse zum Beispiel oder eine Art ständiger Enttäuschung und Depressivität. Oder gegen die Partnerschaft. Auch können sich zerstörerische Kräfte in einem Ehepaar gegen die eigenen Kinder wenden. Wenn man viele Ehepaare beobachtet, dann sieht man tatsächlich sehr oft zerstörerische Kräfte gegen die Kinder. Zum Beispiel mit Beschimpfungen und Zornesausbrüchen: "Jetzt ist aber Schluss damit!" heißt es dann böse, und dazu gibt es auch noch eine Ohrfeige. Oder: "Wenn du das noch weiter machst, dann wirst du dich verletzen, das wird dir recht geschehen, dann wirst du schon sehen ...!" Das nennt man dann übrigens meistens Erziehung. Auch gegen andere Menschen können sich zerstörerische Kräfte wenden, z.B. im Hass gegen die anderen, im Antisemitismus, in Feindbildern oder gegen irgendeinen Sündenbock.
Viele Eheberater benutzen das Modell des ewig glücklichen Liebespaares. Und viele Paare glauben auch, wenn es ihnen nicht gelungen ist, dann hätte es jedenfalls gelingen müssen. Unsere Kultur gibt uns dieses Modell vor. "Bis dass der Tod euch scheidet", heißt es dazu in der Kirche. Aber finden wir in unseren Beziehungen und in der Ehe wirklich für längere Zeit das, was wir an Liebe erhofften und erwarteten?

Jeder Jugendliche hat noch eine sehr hohe Vorstellung von der Liebe. Man erwartet eine Art Vervollkommnung zu finden. Dann wird man älter, hat schließlich eine schönes Haus, ein schönes Auto und auch Kinder. Aber hat man wirklich erreicht, was man erwartete? Später sagt man dann, nun ja, das waren Jugendgeschichten, kleine Illusionen, Träume, die sich mit der Zeit verlieren. Die Älteren sagen ja auch häufig zu den Jugendlichen, ihr werdet schon sehen, was das Leben ist. Dies erklären Menschen, die selbst einmal als Jugendliche hohe Erwartungen von der Liebe hatten, die nicht erfüllt wurden. Viele resignieren irgendwann auch und flüchten sich nur noch in Ersatzbefriedigungen. Diese Ersatzbefriedigungen, insbesondere aus dem Nahrungs- und Genussmittelbereich, sind auf Grund ihrer Denaturierung auch bestens dazu geeignet, freilich im negativen Sinne. Wenn das Herz nicht erfüllt wird, kann man sich wenigstens per Behauptung immer wieder ein vollen Magen verschaffen. Oder wenn man im Leben nicht die Süße findet, die man eigentlich benötigt, dann kann man wenigstens eine Illusion davon per Kunstgriff auf dem Gaumen hinterlassen. Beides forciert sich gegenseitig, und damit tappen wir immer tiefer in diese schlimme Falle. Von den ohnehin abhängig machenden Stoffen in den denaturierten Produkten einmal ganz abgesehen. Wenn unsere Herzen und unsere Seelen keine wirkliche Erfüllung finden oder viel zu wenig, dann klammern wir uns um so mehr an die Illusionen, die wir uns per Kunstgriff und Behauptung verschaffen können.
Doch wenn solch eine hohe Erwartung von der Liebe in den Jugendlichen entsteht, dann hat sie sicher auch eine tiefere Bedeutung. Vielleicht ist sie eine Vorahnung für etwas, was erreicht werden sollte. Statt jedoch diese Erwartung wirklich befriedigen zu können, entstehen in den Paaren immer wieder Abhängigkeit, Unfreiheit und zerstörerische Kräfte. Es entsteht eine Art schleichende Enttäuschung und Depression. Diese Kräfte äußern sich auch in Schuldzuweisungen und Vorwürfen. Es ist, als ob der eine dem anderen vorwerfen würde schuld daran zu sein, dass man selbst diese Erwartungen nicht erreichen konnte. Will man sich dann trennen, dann entstehen auch wieder Leiden. Es ist wie eine Sackgasse. Trennung bringt Leiden, Zusammenbleiben bedeutet auch Leiden. Einziger Ausweg dann vielleicht der Tod.

Das bedeutet natürlich nicht, dass Ehen grundsätzlich schlecht wären. Aber wenn es dabei Leiden und Schmerzen gibt, dann muss man annehmen, dass dort irgendwo auch Irrtümer besteht. Denn in der Tat findet man niemals Ehepaare, in denen die Liebe dauerhaft die Erfüllungen brachte, die man erwartete. In der ersten Zeit, solange man noch frisch verliebt ist, vielleicht. Aber danach flacht die Magie der Liebe ab. Dann denkt man unwillkürlich, wir sind schuld daran, der andere ist schuld daran, wir haben nicht gut zusammengepasst, und man sucht Erklärungen mit der Voreingenommenheit, dass es hätte gut gehen sollen.

Auch wird jedes Paar, wenn es mehrere Jahre zusammen lebt, irgendwann feststellen können, dass immer wieder sexuelle Impulse nach außen entstehen. Doch nach unseren Moralvorstellungen gelten Treue und Monogamie als oberste Gebote. Aber was hat die Natur oder der Schöpfer da nur angestellt, dass sich die sexuelle Energie auch mit anderen Menschen außerhalb der eigenen Zweierbeziehung austauschen möchte? Es ist doch klar zu sehen, dass diese Impulse und dieses Verlangen überall und sogar erheblich bestehen; außer eben bei frisch Verliebten oder außer bei jenen, die dies vielleicht mit Macht unterdrücken. Doch diese Unterdrückungen machen nur krank und verbittert.

In Deutschland werden inzwischen etwa ein Drittel aller in den letzten 25 Jahren geschlossenen Ehen wieder geschieden, Tendenz steigend. Die größten Scheidungsraten gibt es zwischen dem 3. und dem 11. Ehejahr. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass die anderen zwei Drittel glücklich zusammenleben. Interessant ist auch eine Studie, wonach an der Ostküste der USA 10 % der vermeintlichen ehelichen Kinder von einem anderen Mann abstammen. In einem Arbeiterviertel in Glasgow waren es sogar 20 %.

Der Psychoanalytiker Wilhelm Reich führte in seinem bereits 1929 erstmals erschienen Buch "Die sexuelle Revolution" eine eigene statistische Untersuchung an. Nach dieser waren ihm die Verhältnisse von 93 Ehen genau bekannt. Von diesen Ehen waren 66 schlecht oder ausgesprochen untreu, 18 resigniert oder krank, sehr fraglich waren 6 und nur 3 Ehen konnten als gut eingeschätzt werden. Von diesen 3 als glücklich bezeichneten Ehen war keine älter als drei Jahre.

Wie an gleicher Stelle berichtet wird, hatte auch Iwan Bloch bereits Ehen in dieser Hinsicht untersucht und unter 100 nur 15 gefunden, die sich als glücklich betrachteten. Von 100 Ehepaaren betrachten sich also 85 als unglücklich. Dann hat Reich diese Fälle einzeln nachuntersucht und festgestellt, dass bei den als glücklich bezeichneten Ehen 13 ehebrüchig waren, entweder einer oder sogar beider Partner. Und jene zwei, die noch übrig blieben, waren entweder in einem hohen Alter oder impotent bzw. frigide. Wenn sich also unter 15 als glücklich bezeichnete Ehen 13 untreue befinden, schlussfolgerte Reich, "dann besagt das, dass eine Ehe auf die Dauer eben nur unter Opferung der wichtigsten Forderung der Eheideologie, der ehelichen Treue, oder aber unter der Bedingung voller sexueller Anspruchslosigkeit glücklich sein kann".

Müssen wir angesichts dieser Tatsachen nicht endlich zu der Überlegung kommen, dass in unserer Vorstellung und unserem Modell von der Ehe bzw. von festen Beziehungen und Sexualität irgend etwas grundsätzlich sehr falsch läuft? Zwar leben wir heute in einer Zeit, in der ansatzweise erste Veränderungen sichtbar werden. Die alten verkrampften Dogmen scheinen sich ein wenig zu lösen. Doch das sind nur hauchdünne Ansätze im Vergleich zur wirklichen Größe und Tiefe der Schwierigkeiten. Der Koloss der Problematik besteht nach wie vor weiter. Nur wenn wir diesen überhaupt erkennen und wirklich durchdringen, nur wenn wir die tiefen Ursachen und komplexen Zusammenhänge für seine Entstehung verstehen, nur wenn wir die Gründe abstellen, die unsere naturwidrige Lebensweise mit sich bringen und nur wenn wir ein neues und besseres Modell haben mit der Aussicht auf mehr Erfüllung und weniger Leid, werden wir uns davon lösen können.

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