Rohkost als Lebensstil - Die Geschichte der Rohkost

Nicole Freialdenhoven
Nicole Freialdenhoven

Ein Artikel von Nicole Freialdenhoven

Immer mehr Menschen wenden sich nach den Lebensmittelskandalen der letzten Jahre von industriell gefertigten Nahrungsmitteln ab. Ihre Gründe sind dabei unterschiedlich. Vielen Menschen geht es vor allem um den Tierschutz und das Leid der Massentierhaltung. Sie ernähren sich vegetarisch oder sogar vegan um die Intensivzucht von Tieren lediglich zum Zweck der menschlichen Ernährung zu reduzieren, denn sie wissen, dass die steigende "Tierproduktion" die Natur weltweit vor große Probleme stellt. Bei vielen Menschen stehen die gesundheitlichen Aspekte im Vordergrund. Sie verzichten auf Tierfleisch, weil es häufig voller Antibiotika und Rückstände aus Tiermedikamenten steckt, mit denen die Tiere zu Lebzeiten gemästet und am Leben gehalten wurden.

Opfergaben in Bali
Opfergaben in Bali

Neben den Vegetariern, die nur auf Fleisch selbst verzichten, und den Veganern, die zusätzlich auf weitere tierische Produkte wie Milch, Käse, Eier und Honig verzichten, hat sich in den letzten Jahren eine weitere Gruppe entwickelt, die sich ausschließlich von Rohkost ernährt. Auch bei dieser Gruppe stehen gesundheitliche Aspekte im Vordergrund, wobei Rohköstler nicht unbedingt gleichzeitig auch Veganer sein müssen. Innerhalb der Rohkost-Bewegung gibt es Gruppen, die durchaus auch rohes Fleisch oder rohen Fisch zu sich nehmen. Dies klingt erstaunlicher als es tatsächlich ist. Aber, wer hat noch nie im Leben Sushi gegessen, Tartar oder Hackepeter?
Auch andere Lebensmittel, die normalerweise gekocht werden müssen, können durchaus auch "roh" gegessen werden, zum Beispiel Reis, der über Nacht in Wasser gelegt wird und dadurch langsamer aber genauso effektiv aufquillt wie beim Kochen.
Zentral steht bei der Rohkostbewegung der Gedanke, dass das Erhitzen von Rohkost wie Gemüse dazu führt, dass wichtige gesunde Enzyme und Vitamine zerstört werden und die Lebensmittel dadurch an Nährwert verlieren. Nahrungsmittel, die unbehandelt frisch aus der Natur gegessen werden, sind daher nicht nur reich an Vitaminen, Mineralstoffen und Enzymen, sondern auch an Antioxidantien, die freie Radikale im Körper bekämpfen und so das Risiko einer Krebserkrankung mindern.

Rohkost-Befürworter weisen gerne darauf hin, dass sich der nächste menschliche Verwandte in der Tierwelt - der Menschenaffe - bis heute zu über 50 Prozent nur von Früchten und Beeren ernährt, zu 35 Prozent von wilden Pflanzen und Blättern und zu 7 Prozent von Wurzeln, Samen und anderen natürlichen Gewächsen, sowie zu einem winzigen Prozentsatz von Insekten und anderen lebenden Proteinlieferanten. Rohköstler glauben daher, dass sich der menschliche Magen auf diese Weise ebenfalls am gesündesten ernährt, da gekochte Nahrung in der Natur nicht vorkommt.

Maximilian Bircher-Benner
Maximilian Bircher-Benner

Die Geschichte der Rohkostbewegung

Als "Vater" der Rohkostbewegung gilt im Allgemeinen der Schweizer Arzt Maximilian Bircher-Benner, der auch das originale Bircher Müsli erfand. Bircher-Benner erkrankte im ausgehenden 19. Jahrhundert an Gelbsucht und lernte durch Experimente mit Nahrungsmitteln die heilsame Kraft roher Obst- und Gemüsesorten zu schätzen. Nach seiner Genesung verzichtete er weitestgehend auf Fleisch und Brot (Nahrungsmittel, die in jenen Tagen quasi täglich auf dem Speiseplan standen), und ernährte sich stattdessen von Früchten, Gemüse und Nüssen. Viele seiner Theorien stammten von der Beobachtung der Schweizer Schäfer und Hirten in den Bergen, die sich auf sehr einfache Art ernährten und dabei kerngesund waren. Zu dieser erfand er auch das originale Müsli, das er selbst noch "Apfeldiätspeise" nannte. Im Jahre 1897 eröffnete er in Zürich das Sanatorium "Lebendige Kraft", das schon bald starken Zulauf bekam. Zu den prominentesten Gästen gehörte der Autor Thomas Mann, der sich bei Bircher-Benner die Inspiration für das fiktive Sanatorium in seinem Roman "Der Zauberberg" abholte.

Ein weiterer früher Vertreter der rohköstlichen Bewegung war der der amerikanische Zahnarzt Westen Price, der die zunehmende Zahnfäule bei Kindern auf die moderne Kost des 20. Jahrhunderts schob. Nachdem er bei Naturvölkern wie den kanadischen Inuit und den australischen Aborigines hervorragende Zähne und eine generell ausgezeichnete körperliche Verfassung festgestellt hatte, verfasste er 1939 das Buch "Nutrition and Physical Degeneration", das eine Rückkehr zu unverarbeiteter Rohkost propagierte.

Gestützt wurden die frühen Rohköstler u.a. von den Experimenten des Arztes Francis M. Pottenger Jr., die als "Pottenger's Cats" bekannt wurden. Dabei ernährte er eine Gruppe Katzen hauptsächlich mit rohem Fleisch, während eine andere Gruppe vor allem gekochtes Fleisch erhielt. Während die Katzen, die mit rohem Fleisch ernährt wurden, über mehrere Generationen hinweg gesund blieben, entwickelten die mit gekochtem Fleisch gefütterten Katzen schon in der zweiten Generation Wachstumsstörungen. In der dritten Generation kamen Katzen teilweise blind zur Welt und hatten eine wesentlich kürzere Lebenserwartungen.

Die moderne Rohkosttherapie

Mit der New Age-Bewegung der 60er und 70erJahre wurden alternative Ernährungsweisen wie Vegetarianismus, Veganismus und auch die Rohkosternährung immer bekannter und beliebter. Zu dieser Zeit entstanden neue ernährungswissenschaftliche Werke und Kochbücher, die sich speziell mit der Zubereitung köstlicher ungekochter Speisen befassten.

Rohkost Tisch
Rohkost Tisch

In den USA gründeten Viktoras Kulvinskas und Ann Wigmore das Hippocrates Institute, in dem Menschen mit Hilfe von Weizengrass-Getränken von ihren Krankheiten geheilt wurden. Kulvinskas veröffentlichte 1975 das Buch "Survival into the 21st Century", neun Jahre nachdem der Iraner Arshavir Ter Hovannessian in seiner Heimat "Raw Eating" publiziert hatte.

Die Rohkost-Bewegung erhielt in den letzten Jahren durch das Internet und eine immer weiter um sich greifende Skepsis gegenüber der Lebensmittelindustrie frischen Aufwind. Alleine in den letzten 10 Jahren erschienen zahlreiche neue Kochbücher mit Rohkostgerichten und in den USA erschien der Film "Supercharge me! 30 Days Raw" von Dokumentarfilmerin und Rohköstlerin Jenna Norwood. Rohkost-Restaurants sind vor allem im Westen der USA mittlerweile nichts Ungewöhnliches mehr.

In Deutschland wurde die Rohkost vor allem von Franz Konz mit seiner UrKost und Helmut Wandmaker mit seiner Sonnenkost propagiert. Während Konz seine UrKost vor allem selbst entwickelte und auf die Ernährung der Menschenaffen stützte, importierte Wandmaker die "Natural Hygiene"-Theorien aus den USA. Zu diesen beiden Richtungen hat sich in den letzten Jahren die Instincto-Ernährung des Schweizers Guy-Claude Burger hinzugesellt, die - anders als die UrKost und die Sonnenkost - keine vegane Ernährungsform darstellt, sondern auch den Verzehr von rohem Fleisch und rohem Fisch erlaubt. Daher ist es bei dieser Form der Rohkosternährung leichter, Mangelerscheinungen zu vermeiden.
Rohkosternährung ist übrigens nicht mit fruktarischer Ernährung gleich zu setzen, auch wenn natürlich viele Parallelen bestehen. Doch während Rohköstler grundsätzlich auf das Erhitzen von Speisen auf über 40°C verzichten, kochen Fruktarier beispielsweise Hülsenfrüchte wie Bohnen und nehmen auch Getreide zu sich.