Selbstmord: Was geht hier eigentlich vor?

Diesen Artikel habe ich nach dem gewaltsamen Absturz der Germanwings Maschine Ende März 2015 geschrieben. Das Thema Selbstmord ist aber leider weiterhin ein ständiger Begleiter in unserer Gesellschaft und wird kaum irgendwo behandelt. -- Bernd Bieder

SELBSTMORD: WAS GEHT HIER EIGENTLICH VOR?


Auch meine Frau und ich waren von den Ereignissen der letzten Woche, mit dem Germanwings Absturz, tagelang einfach nur schockiert; und wir sind es eigentlich immer noch. Auch wir haben - wie Patrick S., der Kapitän dieser Maschine - zwei kleine Kinder. Immer wieder haben wir das Bild vor Augen, wie er verzweifelt versucht, die Tür zum Cockpit aufzubrechen. Welches Drama sich dort in den letzten acht Minuten abgespielt haben mag, ist unfassbar. Unmöglich, dass davon die Fluggäste erst ganz zum Schluss etwas mitbekommen haben.

Dieser Absturz gräbt sich tief ein, ähnlich wie 9/11. Viele Fragen werden gestellt, und viele werden wahrscheinlich bleiben. Doch eine Frage taucht in unserer Gesellschaft öffentlich eigentlich niemals auf. Was läuft in unserer Kultur alles schief, dass es jedes Jahr viele tausende Selbstmorde gibt? Wie kann es sein, dass so viele denkende und fühlende Menschen keinen anderen Ausweg als den Selbstmord sehen? Von der noch viel höheren Dunkelziffer der erfolglosen Selbstmordversuche ganz zu schweigen. Laut statistischem Bundesamt gab es im Jahre 1995 knapp 13.000 Selbstmorde in Deutschland, und aktuell sind es mehr als 10.000, Tendenz wieder steigend. Sehr selten gibt es sog. „verlängerte Selbstmorde“, wie ganz offensichtlich im Falle des Copiloten der Germanwings Maschine, bei denen also noch weitere Menschen mit in den Tot gerissen werden. Die meisten dieser Menschen - die sich selbst umbringen - gehen von uns, von der Mehrheit unbemerkt. Doch viele Fragen und Tränen, sowie auch Traumata in ihren Familien bleiben.

Wenn wir diese enorme Zahl - die übrigens die der Verkehrstoten bei uns gleich um das 4fache übertrifft - einmal auf Flugzeugabstürze umrechnen, dann würde das allein in Deutschland einen großen Absturz pro Woche bedeuten. Und weltweit jeden Tag mehrere. Das kann nicht normal sein! Doch wo steht darüber etwas in der Zeitung? In welcher TV-Sendung wird das behandelt?

Wer hat schon einmal in einem Zug gesessen, der unplanmäßig längere Zeit irgendwo im Gelände hielt und bei dem dann aus den Lautsprechern die Information ertönte: „Wir bitten die Verzögerung zu entschuldigen, wegen Personenschäden auf der Strecke“? Und wer hat sich dann die Frage gestellt, welche Art von Personenschäden das wohl sein mögen? Mir ist das - und ich fahre nur selten mit der Bahn - schon zweimal passiert. Zwischen der Bahn und der Presse gibt es eine stille Übereinkunft, dass über solche Fälle - wenn sich also Menschen vor den Zug werfen -, nicht in den Medien berichtet wird, um nicht noch mehr Nachahmer zu locken. Das mag gut so sein. Doch die drängende Frage bleibt. Was läuft in unserer Kultur alles schief, dass es diese erschütternden Zahlen gibt? Denn dies ist, und das ist sicher, nicht nur ein kleines persönliches Problem hier und da. Fast jeder dieser vielen Selbstmorde ist auch ein letzter verzweifelter Notschrei an die Hinterbliebenen und an unsere ganze Gesellschaft.

Und wenn es - wie offensichtlich im Falle des Copiloten Andreas L. - Depression oder eine psychische Krankheit war, dann schließt sich auch die Frage an: Wie kommt es, dass Depression eine Volkskrankheit in unserer westlichen Welt geworden ist, die sogar auf dem Wege ist, sich noch weiter auszubreiten? Was läuft da, auf welche Weise begünstigt, schief in unserem Nervensystem und in unserer Psyche? Kein Jobverlust und keine verlorene Freundin - um nur zwei Beispiele zu nennen - sollte sich jemals so problematisch und angstvoll in der Psyche hochschaukeln und manifestieren können, dass derart entsetzlichen Zerstörungsimpulse entstehen. Kein Problem sollte das wunderbare Geschenk Leben sinnlos erscheinen lassen.

Ratloses Schulterzucken oder stereotype Antworten kennen wir. Doch wir brauchen dazu mehr als das. Wir brauchen den Mut, vieles in unserer Kultur und Lebensweise in Frage zu stellen, und wir brauchen den Mut zu Veränderungen. Doch die fangen nicht bei den anderen an, sondern bei uns selber.

Würden sich bei den Elefanten, Delfinen, Störchen oder anderen Gattungen einige Hundert jedes Jahr mutwillig in den Tod stürzen, ginge eine große Besorgnis um die Welt. Kamerateams und Forschergruppen würden ausrücken. Doch bei uns Menschen sind es Zehntausende nur in einem Land. Wo bleibt da unsere Besorgnis, Bewusstmachung und Forschung?

Meine trauernden Gedanken und Gefühle sind bei den Opfern dieser Katastrophe, bei ihren Hinterbliebenen und bei allen Selbstmördern.

Bernd Bieder