Rede & Antwort zum Thema: Ernährung, Psyche, Liebe

Lieber Herr Bernd Bieder,

wir haben schon vor längerem einmal gemailt. Vielleicht erinnern Sie sich noch an mich. Ich befasse mich schon seit längerem mit dem Thema Rohkost, Liebe und Sexualität, bin  selbst auch Rohköstler und forsche schon einen ganze Zeit auf dem Gebiet. Die Zeit ist zu kurz um meine Geschichte jetzt nieder zu schreiben. Vielleicht dazu nur ein paar Worte und eine Frage an Sie, die mir sicher bei meinen Untersuchungen sehr helfen kann.
Ich habe erst kürzlich das Buch, "Die Suche nach dem verlorenen Glück" gelesen, wo beschrieben wird, dass Frauen in der zivilisierten Gesellschaft den Fehler machen, ihre Kinder nicht in den ersten 3 Lebensjahren bei sich zu tragen. Der fehlende Körperkontakt, der so wichtig ist, fehlt. Meines Erachtens ergibt sich daraus das Dilemma mit dem wahrscheinlich 99,9 Prozent der Menschheit befasst ist, nämlich der Angst vor Nähe und wiederum der Angst vor dem Verlust eines Menschen. Ich selbst habe über Jahre hinweg in diesem "Gefängnis" gelebt und mir im Bereich der Liebe Verlustängste gebaut, weil dahinter eigentlich die Angst vor Nähe stand. Bewusst ist mir das geworden, als ich meinen Partner gefunden habe, der eine schizoide Persönlichkeit war und Angst vor Nähe hat. Je mehr sich die Angst auf der einen Seite aufstaut, desto größer wird sie auf der anderen. Die Lösung für mein Problem lag also darin: Das Beseitigen der eigenen Verlustangst. Dann kam die Rohkost ins Spiel. Ich bemerkte, wie durch die warme Nahrung die Ängste immer schlimmer wurden. Ich habe das Buch von Ihnen und auch von Burger gelesen, wo beschrieben wird, dass das Kind im Unterbewussten Liebe mit Nahrung assoziiert. Ich bin heute der Überzeugung, dass  mit warmer Nahrung meines Erachtens keine "normale" Beziehung möglich wäre und das wahrscheinlich draußen einige unter diesem Problem leiden und es als einen Normalzustand hingenommen haben. Doch es ist nicht normal. Ich würde gerne wissen, um mein Puzzle fertig zu stellen - was glauben Sie, was konkret läuft in der Mutter-Kind-Beziehung falsch, dass das Unterbewusstsein Liebe mit Nahrung verbindet und zugleich diese Verlustängste  durch den Mangel an Körperkontakt verstärkt werden? Ich selbst wusste, dass mein Problem - und die des Partners - in der körperlichen Angst begründet war. Und kann es sein, dass, wenn der eine Partner Rohköstler ist und der andere nicht, die Angst auf Grund der geistigen Verbindung trotzdem auf beiden Seiten abgebaut werden kann, auch wenn nur einer Rohkost isst - schließlich ist die geistige Verbindung gegeben? Zumindest habe ich diese Erfahrung gemacht. Ich stecke gerade in meiner Reflexion fest und benötige einen hellen Kopf!!!

 

Liebe Katja F.,
 
die von Ihnen angeschnittenen Fragen sind hochinteressant. Die Antworten darauf aber alles andere als einfach und schnell möglich. Diese Themen sind sehr komplex, und es spielen viele Faktoren - zum Teil sehr individuell - hinein. Ich habe dies auch in meinen Büchern, insbesondere in "Ernährung, Psyche, Sexualität und Liebe" beschrieben. Vielleicht aber hier noch einmal kurz ein paar Kommentare dazu von mir.
 
Zunächst einmal zum Thema "getragen werden". Dies hat Jean Liedloff wunderbar beobachtet und beschrieben. Ihr Buch "Auf der Suche nach dem verlorenen Glück" sollte Pflichtlektüre für alle werdenden Eltern sein. Ein Mensch, der als Kleinkind nicht das Grundbedürfnis "getragen werden" gestillt bekam, wird als Erwachsener immer noch unbewusst und vergeblich danach suchen und sich verschiedenste Ersatzbefriedigungen zuführen. Dies verstärkt übrigens i.d.R. auch gleich noch die als nächstes beschriebene Problematik.
 
Die Überflutung des Organismus mit denaturierten Substanzen führt zwangsläufig dazu, dass auch das Nervensystem unnatürlich gereizt wird, also zur endogenen Erregung. Dies hat G.C. Burger mit seinem Stressometer sehr gut nachgewiesen. Und dies lässt sich auch in den verschiedensten Situationen sehr gut beobachten; z.B. auch an Tieren, die denaturiert ernährt werden, im Vergleich zu ihren natürlich ernährten Artgenossen. So leben wir praktisch in einem ständig überreizten Zustand. Da davon aber praktisch alle Menschen betroffen sind, gilt es als normal. Wenn einer der beiden Partner durch die natürliche Ernährung diesen hohen endogenen Erregungszustand nicht mehr hat, ist das natürlich ein Vorteil auch für seine Paarbeziehung. Er kann leichter zur Entspannung der gemeinsamen Situation beitragen. Aber das Entwirren der ganzen Problematiken, die sich ergeben können, bleibt dennoch zumeist recht mühsam. Allerdings wäre es ein fataler Irrtum anzunehmen, durch die konsequente natürliche Ernährung von Rohkost und die damit mögliche Verhinderung der unnatürlichen endogenen Erregung, sei man selbst gleich zwangsläufig geheilt und aus dem Schlamassel heraus. Dazu haben unsere Vorfahren und unsere ganze Kultur viel zu starke Prägungen in uns hinterlassen, die sich nicht so einfach abschütteln lassen.

Das Unterbewusstsein verbindet Liebe mit Ernährung, weil Ernährung ein fundamentaler Bestandteil des Lebens ist. Die Mutter stillt ihr Kind nicht nur aus biologischen Gründen, sondern weil sie es liebt. Das Licht des Lebens und der Liebe steckt in allem Lebendigen. In den Früchten, den Kräutern, den Blättern, dem Gemüse usw. In gekochter und gebratener Nahrung ist von diesem Licht jedoch definitiv nichts mehr vorhanden (siehe z.B. Prof. Fritz A. Popp, der die Biophotonen entdeckte). Doch in einer Verkettung von Irrtümern und Missgeschicken bekamen die Menschen die denaturierten Nahrungsmittel und deren Weitergabe als Liebesbeweis angelernt. Und in den Notzeiten, in denen viel gehungert wurde, entsprach allein die Beseitigung des Hungers schon dem Erhalt des Lebens.

Kennen Sie „Die Schmusergeschichte“ aus dem Buch „Die Farben der Wirklichkeit“? Sie beschreibt sehr schön, wie sich die Menschen zunächst freizügig warme Schmuser verschenkten, weil es immer genug davon gab. Bis eines Tages eine böse Hexe erschien, die ihnen einredete, die Menschen müssten ihren Schmuservorrat bewachen und dürfen nicht mehr so freigiebig damit sein. Das Ende vom Lied waren Ersatzschmuser, die an die Stelle der echten traten. Doch diese bewirkten nicht das gleiche warme und wohltuende Gefühl, sondern ein kaltes, leeres und fröstelndes. Die Situation wurde immer komplizierter, weil die böse Hexe diese kalten Fröstler nun als warme Schmuser ausstaffierte und für viel Geld verkaufte. Die Menschen, die sich früher die Schmuser ohne Gegenleistung verschenkten, mussten nun viel arbeiten, um sich die Ersatzschmuser leisten zu können und gingen am Ende doch immer wieder leer aus.
Die Hexe in dieser Geschichte steht natürlich für das Ego. Und das Ego konnte in unserer Gesellschaft nur deshalb eine solch große, ja geradezu aufgeblähte Macht entwickeln, weil es vom endogenen Erregungszustand genährt wird. Später ist man vertrieben aus dem Paradies und weiß nicht mehr, wie man dort wieder hinein kommt. Und die Eigendynamik des kollektiv genährten Egos macht es schwer zu erkennen, was die echten warmen Schmuser sind. So greifen unsere Mütter und Großmütter gern ins Fach mit den Süßigkeiten oder in den Kochtopf, um ihren lieben Kleinen etwas Gutes zu tun. Man kann ihnen keinen Vorwurf machen. Sie sind, wie alle anderen, mitgerissen von diesem Ego-Bulldozer der Illusionen, der Süchte und falschen Versprechungen.
 
Die Mutter-Kind-Beziehung ist für uns wahrscheinlich die am meisten prägende Beziehung überhaupt. Doch es ist nicht einfach, pauschal zu sagen, was darin falsch läuft. Es kommt darauf an, welches Schicksal der eigenen Mutter und ihrer Mutter usw. widerfahren ist, und wie sie damit - bewusst oder unbewusst - umgegangen ist. Was hat sich in ihrer Familie zugetragen? Hat sie sich bemüht, ihr Schicksal zu verändern und zu verbessern, oder wurde sie einfach nur mitgerissen davon? Hat sie eigenes Leid still getragen oder weiter gegeben oder vielleicht auflösen können? Wurde sie gestillt und getragen und konnte sie dies auch ihren eigenen Kindern geben? usw.

Fazit: Die Ernährung von Rohkost bringt automatisch eine drastische Verminderung der endogenen Erregung mit sich. Sie wirkt somit heilend auch in geistiger bzw. psychischer Hinsicht, oder ist zumindest eine sehr gute Voraussetzung dafür. Zu einer automatischen Heilung von all unseren Problemen führt sie aber in unserer Situation nicht. Wer das glaubt, befindet sich in einer neuen Illusion. So bleibt uns nichts anderes übrig, als weiterhin achtsam zu sein - mit uns selbst und mit den anderen. Es bleibt uns nichts anderes, als Fragen zu stellen und Antworten zu suchen, mit der Bereitschaft, dass diese Antworten ggf. auch lieb gewonnene Glaubenssätze über den Haufen werfen könnten. Selten werden wir durch einen Kunstgriff den anderen dazu bringen, ideal zu funktionieren. Mitunter müssen wir gegen den Strom schwimmen, um wichtiges zu erkennen. Doch oft ist es auch die bessere Entscheidung, sich einfach treiben zu lassen - vom Leben treiben zu lassen - und aus dieser Position heraus wahrzunehmen und ggf. zu reagieren.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und Gelassenheit bei diesem Balanceakt des Lebens.

Bernd Bieder