Gesünder leben mit Wildpflanzen

Theresia Muthers
Theresia Muthers

Ein Artikel von Theresia Muthers

In der Rohkost-Szene beobachte ich seit Jahren einen starken Trend hin zu den Wildpflanzen, die immer noch von vielen als "Un"-Kräuter bezeichnet werden. Das gibt es aber vom Begriff her genauso wenig wie ein "Un"-Wort! Es handelt sich ganz einfach um die Pflanzen, die von selbst, ohne menschliches Bemühen in der Natur wachsen.

Franz Konz (siehe "Der große Gesundheits- Konz", Bund für Gesundheit, Heinsberg) hat viel dazu beigetragen, dass das Essen von rohen Wildpflanzen wieder stark ins Bewusstsein rückte. Manche davon sind ja von alters her sehr wohl als Heilkräuter bekannt und wegen ihrer speziellen Heilwirkung benutzt worden. Aber im Grunde genommen hat jede Pflanze ganz bestimmte Funktionen. Nur bei den meisten sind diese eher allgemein gesundheitsfördernd. Sie wurden nie untersucht, was im Übrigen bei der Methode, die man die "instinktive" nennen kann, auch gar nicht notwendig ist.

Die Wildkräuter sind oft so kraftvoll und lebensstark, dass der Mensch sie einfach nicht ausrotten kann. So hat z.B. die Vogelmiere längst ihre Samen neu ausgestreut, ehe wir ihre Blüten gesehen hätten. Bleibt vom Girsch oder der Quecke nur ein kleines Wurzelchen in der Erde, so ist der Grundstock für eine neue Pflanze gelegt.

Wildpflanzen sind so geschaffen, dass sie genau an dem Platz wachsen, wo sie hingehören. Beim "Anbau" im Garten wird man mehr zum Beobachter des Geschehens; man ordnet, unterstützt und klärt eher, als dass man anbaut. Das macht das Gärtnern einesteils leicht, andererseits schwierig, weil diese Art dem altbekannten Vorgehen widerspricht. (Die Änderung eingefahrener Verhaltensweisen macht uns ja auf jedem Gebiet des Lebens die größten Schwierigkeiten!) Lässt man sich darauf ein, kann man schönste Überraschungen erleben: Auf einmal wachsen vielleicht genau die Pflanzen, die der Besitzer am meisten braucht oder die ihm besonders gut gefallen. Das geschieht vornehmlich dann, wenn man sehr intensiv im und mit dem Garten lebt. Geht man morgens barfuß hinein, soll es besonders wirkungsvoll sein.

Auch zeigen bestimmte Wildpflanzen an, wie der Boden beschaffen ist, welche Inhaltsstoffe vorherrschen bzw. fehlen.
Ein großer Vorteil des Wildpflanzenanbaus ist: Es gibt kaum Probleme mit Schädlingen, Schneckenfraß ist kein Thema. Wie muss man dagegen z.B. junge Salatpflänzchen schützen! Man erleichtert und vereinfacht sich auf diese Weise das Leben sehr und kann verstehen, wovon die weisen Einsiedler in den chinesischen Bergen lebten, wenn sie sich dorthin zurückzogen: "Die vollkommenen Menschen der Vorzeit nährten sich von wild wachsender Speise auf dem Feld Ohnesorge und lebten in dem Küchengarten Keinepflicht." (Zitat nach Lukas Moeller: "Gesundheit ist essbar", Goldmann-Verlag 1989, S. 120)

Und es finden sich alle Geschmacksrichtungen, die Vielfalt von Geschmäckern, Farben und Formen ist überwältigend. Ich kenne süße, saure, herbe, bittere, scharfe, schleimige, nussige, salzige, adstringierende (zusammenziehende) Sorten und viele Genüsse, die gar nicht zu beschreiben sind.
Das Interesse an natürlichen Anbauweisen steigt, weil immer mehr Menschen erkennen, dass unsere Welt nur so lebenswert erhalten werden kann. Jeder kann seinen Teil dazu beitragen, indem er auf dem Land, das ihm gehört, nicht nur den englischen Rasen neben den Rosen und pflegeleichten Nadelbäumen duldet, sondern auch Wildpflanzen einen Platz belässt.

Es ist inzwischen wieder allgemein anerkannt, dass man eine heimische gemischte Laubholzhecke pflanzt oder zumindest den Brennnesseln eine Ecke belässt, weil man weiß, dass die Hecke für die Vögel und die Brennnesseln für bestimmte Schmetterlinge zur Eiablage benötigt wird. Und so hat jede Wildpflanze ihre bestimmten Funktionen, die sie im Zusammenspiel mit der Natur erfüllen soll.
Der Mensch leistet damit nicht nur für die Umwelt einen Beitrag, sondern er holt sich für sich selbst wertvollste Lebensmittel direkt an sein Haus heran. Bei Untersuchungen von Kulturpflanzen im Vergleich zu Wildpflanzen wurde nämlich festgestellt, dass die Inhaltsstoffe bei wild gewachsenen Pflanzen im Schnitt weitaus höher liegen als bei gezüchteten. Hätten Sie gedacht, dass z.B. Brennnesseln 333mg Vitamin C auf 100g enthalten, Zitronen dagegen nur 53mg?! Oder dass sie 630mg Kalzium haben?! (Es gibt kaum eine Pflanze, die mehr zu bieten hat!)
Es ist kaum vorstellbar, wie wertvoll die gesamte Wildpflanzenpalette für alle Lebewesen ist. Belegt ist z.B., dass Zigeuner vor dem Verkauf ihrer Pferde diese über längere Zeit besonders gut mit Wildkräutern - u.a. Brennnesseln - fütterten, um ihnen das typisch glänzende, seidige Fell zu verschaffen. Auch Rinder, Ziegen und Schafe bleiben gesünder, wenn sie auf Kräuterwiesen weiden dürfen. Die "glückliche" Kuh steht auf der Weide mit Kräutern und liefert aromatische geschmackvolle Milch (die aber übrigens für das eigene Kälbchen und nicht für den Menschen bestimmt ist, weil sie nur für dieses genau passt!). Diese Art des Futters beinhaltet auch bestes Eiweiß. Grünfutter ist als Eiweißlieferant in der Tierzucht wohlbekannt.

Auch wir können diese Kräfte der Natur nutzen und den Verlust an wertvollen Inhaltsstoffen in unseren Kulturpflanzen zum Teil ausgleichen, wenn wir die Wildpflanzen mit in unseren Speiseplan aufnehmen. So bestätigen mir verschiedene meiner Gäste immer wieder, dass sie das bei der instinktiven Rohkost praktizierte Morgenfasten sehr gut durchhalten können, wenn sie - auch nur geringe Mengen - Wildkräuter gegen 11.00 Uhr gegessen haben. Sie spüren direkt eine Sättigung und fühlen sich wohl, aber unbelastet.

Für mich waren alle Pflanzen von frühester Kindheit an interessant. Ich war darauf aus, möglichst von allen den Namen zu wissen - und dachte, damit hätte ich ihr Wesen erfasst. Durch meine inzwischen über 19-jährige Praxis der instinktiven Rohkost habe ich mehr und mehr dahin gefunden, dass es auch geht, ohne dass man weiß, wie die Pflanze heißt und welche Inhaltsstoffe sie hat - wobei man sich sowieso darüber im klaren sein sollte, dass die Wissenschaft wahrscheinlich niemals alle Bestandteile erforschen können wird.

So probiere ich immer wieder eine Pflanze roh und einzeln, die ich noch nicht mit Namen kenne, auf instinktive Weise, um herauszufinden, ob sie für mich im Moment zum Essen gut geeignet ist:
Zuerst rieche ich an den Pflanzen, nachdem ich etwas daran gerieben habe. Wenn sie nicht gut für mich riecht, ist der Versuch für mich schon beendet, weil die Nase ganz klar ausschließt, was überhaupt nicht in Frage kommt. Riecht sie gut, dann teste ich ein winziges Stückchen auf der Zungenspitze. Bei unangenehmen Erscheinungen spucke ich sofort aus.

Ist der Geschmack angenehm, nehme ich eine kleine Menge zu mir und beobachte, was passiert. Am nächsten Tag kann ich dann eventuell - nach erneutem Geruchstest - mehr davon essen.
Eine sinnvolle und sehr vorsichtige Praxis besteht darin, dass man bei einer unbekannten Pflanze noch vor der Geruchsprobe einen Reibetest mit derselben an empfindlichen Körperstellen, z.B. in der Armbeuge, vornimmt und die Reaktionen darauf beobachtet.

Nach den Erkenntnissen der instinktiven Rohkost (siehe Guy Claude Burger: "Die instinktive Rohkosttherapie", Heyne TB, z.Zt. vergriffen) kann man sich - nach einer gewissen Umgewöhnungszeit - bei der Auswahl aller Lebensmittel vollständig auf den Geruchs- und Geschmackssinn verlassen, vorausgesetzt, dass die Lebensmittel völlig im Naturzustand belassen und unvermischt sind. Man braucht also nicht mehr so viel zu wissen, man muss nur das Lebensmittel für sich testen können. Wildpflanzen haben dabei einen viel tieferen, typischen Geruch und Geschmack als die Kulturpflanzen.

Sehr oft kann es auch sein, dass schon der Geruch genügt. Wir nehmen ja über die Nase auch Moleküle auf, die uns nähren, und der Vorteil hierbei ist, dass sie über die Nasenschleimhäute direkt ins Blut aufgenommen werden. Bei angenehmen Gerüchen ist das schön, bei unangenehmen Gerüchen leider sehr belastend, weil sie eben beim Atmen in uns eindringen, ohne dass wir uns wehren könnten.

Auf diese Weise kommen uns auch die Wirkstoffe der starken "Heil"kräuter zugute. Wir brauchen dafür keine Tees mehr zu kochen. Wir riechen z.B. an der Pfefferminze oder dem Salbei, bis die Geruchsempfindung nachlässt. Bei den Wildpflanzen sind junge Blätter und Triebspitzen meist am angenehmsten, aber auch Wurzeln, Knollen, Stängel, Blüten, Früchte und Samen können u.U. genossen werden.

In der von mir erstellten Tabelle habe ich angekreuzt, was ich im Allgemeinen von den angegebenen Pflanzen nutze. Jeder möge selbst ausprobieren und genießen, was für ihn in Frage kommt. (Bei der Eibe aber bitte nur den roten Fruchtmantel!) Auf jeden Fall aber sollte man jede Pflanze zuerst "mono", d.h. einzeln, für sich selbst, testen, ob sie ein Genuss ist.

Danach kann man unter Umständen daran denken, sich daraus einen Salat zu mischen. Unser Instinkt funktioniert ja nur optimal, wenn wir uns einzelne Lebensmittel roh zur Entscheidung vorlegen (siehe hierzu meinen Artikel "Die Instinktotherapie - Gesund essen mit Genuss"). Bei Mischungen versagt er, und es könnte unangenehm oder sogar gefährlich werden. Ich habe 100 Arten ausprobiert - und es sind sicherlich noch lange nicht alle! Bei den Beeren empfehle ich, auch etwas Blattwerk mitzuessen.

Die Pflanzen, die ich in größerer Menge problemlos - meist in allen Teilen - beinahe jederzeit essen kann, habe ich in der Tabelle mit einem "!" vor dem Namen gekennzeichnet. Vielleicht hilft das beim Einstieg. Es handelt sich dabei um im Allgemeinen milde schmeckende Sorten.
Besorgen Sie sich ein gutes Wildpflanzenbuch, wie z.B. "Was blüht denn da?" aus der Reihe der Kosmos-Naturführer, und dann kann das Erlebnis "Gesünder Leben mit Wildpflanzen" losgehen.
Hier finden Sie die Tabelle mit einer Auflistung der Wildpflanzen als PDF-Version.

Theresia Muthers - Rohkost Pension KARUNA
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