Zahngesundheit und Ernährung

Dr. Thomas Schleinitz
Dr. Thomas Schleinitz

Ein Artikel von Dr. Thomas Schleinitz, Zahnarzt

Gesunde Zähne wirken durch Ihre natürliche Schönheit und sind ein echtes Stück Lebensqualität. Sie sind ein Spiegel der Gesundheit und erkranken bei Fehlern in der Ernährungs- und Lebensweise in relativ kurzer Zeit. Die Zahngesundheit wird von der Ernährung entscheidend beeinflusst. In der Regel können Erkrankungen der Zähne und des Zahnhalteapparates nicht rückgängig gemacht werden. Trotz aller zahnärztlicher Kunst stellt jeder noch so natürlich gestaltete, ästhetisch und funktionell befriedigende Zahnersatz nur einen Ersatz dar. Der Ausgangszustand des natürlichen und gesunden Zahnes ist zwar rein optisch erreichbar - doch zu welchem Preis? An dieser Stelle stellt sich die Frage der Verantwortung des Arztes, des Patienten und der Gesellschaft.
Das erste Ziel zahnärztlichen Handelns sollte das Erkennen und Beseitigen der Krankheitsursachen sein. Durch gründliche Information und Aufklärung ist der Patient in der Lage seine (Zahn-) Gesundheit aktiv selbst zu gestalten.
Die Verantwortung und das Handeln der Politik um die Gesundheit erlebe ich als Enttäuschung. Das Bemühen ist überwiegend von finanziellen Aspekten geprägt und dreht sich um die Frage: Wie kann Krankheit mit neuen Versicherungsmodellen finanziert werden? Die Antwort liegt auf der Hand: Gesundheit erzeugt keine Kosten.*1
So lange die Frage der Finanzierbarkeit von Krankheiten im Vordergrund der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit steht, wird jeder noch so gut gemeinte Reformansatz scheitern. Die kürzlich veröffentlichten Einsparungen und erzielten Überschüsse der Krankenkassen täuschen nur einen Erfolg des Gesundheitsmodernisierungsgesetzes (GMG) vor. Die Krankheitskosten sind keineswegs geringer geworden, sondern per Gesetz über Praxisgebühr und Leistungseinschränkungen auf den Versicherten abgewälzt worden. Prophylaxe zum Erhalt der Zahngesundheit von Erwachsenen existiert beispielsweise nicht im Leistungskatalog der Krankenkassen. Eine wirksame Krankheitsvorbeugung ist nur durch das Beseitigen der Krankheitsursachen möglich. Die gelebte Eigenverantwortung hat vor diesem Hintergrund ein besonderes Gewicht.

Karies, Parodontalerkrankungen , Zahn- und Kieferfehlstellungen sind typische Zivilisationskrankheiten

Karies, Parodontalerkrankungen, Zahn - und Kieferfehlstellungen sind typische Zivilisationskrankheiten. Mit dem Grad der Zivilisation verfällt die Mundgesundheit. Der Kariesbefall bei Erwachsenen in Deutschland spricht für sich. Beispielsweise haben in der Altersgruppe 65 - 74 Jahre nur noch 0.3 % (!) naturgesunde Zähne, im Durchschnitt fehlen 17,6 von 28 Zähnen und etwa ein Viertel (24,8%) der Menschen dieser Altersgruppe sind vollkommen zahnlos und tragen eine Totalprothese ( lt. DMS III Studie 1997 ).
Angesichts dieser Zahlen ist eine wirksame Prophylaxe, die auch in späteren Lebensjahren Gesundheit garantiert, dringend notwendig. Die übliche symptomatische Reparatur der Zahnerkrankungen und vergängliche "Prophylaxeerfolge" in jüngeren Lebensjahren sind keine Lösung. Gesunde Zähne sollten ein Spiegel des gesamten körperlichen Wohlbefindens sein. Momentan ist die mangelnde Zahngesundheit ein deutliches Zeichen des allgemeinen Krankheitszustandes der Bevölkerung.

Karies - Auflösung der Zahnhartgewebe

Wie entsteht eine Zahnkaries? Beim wiederholten Verzehr von raffinierten Kohlenhydraten entgleist der Stoffwechsel der natürlichen Mundflora und bewirkt eine irreversible Auflösung der Zahnhartsubstanzen. Eine Ausheilung kariöser Zahndefekte ist nicht möglich - der erlittene Substanzverlustverlust bleibt.
Der Zusammenhang zwischen Verzehr von raffinierten Kohlenhydraten und Karies ist eindeutig belegt. Industriell hergestellter Zucker spielt bei der Kariesentstehung eine zentrale Rolle. Nicht nur die Menge, sondern auch die Häufigkeit des Zuckerkonsums ist von Bedeutung. Beispielsweise können Limonaden, Obst - und Gemüsesäfte über den Tag verteilt in kleinen Mengen getrunken extrem kariogen wirken. Der Patientenfall in Abb*2 zeigt deutlich, dass auch kleine Mengen bei häufigen Genuss massiv Karies erzeugen. Mit Zucker gesüßte Kindertees, die per Nuckelflasche gegeben werden, haben bei Säuglingen und Kleinkindern die gleiche Wirkung. Problematisch ist vor allem versteckter Zucker in industriell hergestellten Nahrungsmitteln. Im Gegensatz zum offensichtlichen Zuckergehalt reiner Süßigkeiten wird der Anteil versteckter raffinierter Kohlenhydrate in Nahrungsmitteln oft übersehen. Beispielsweise werden konventionelle Kartoffelchips teilweise mit karamellisierten Zucker überzogen. Die Chips kleben stark an den Zähnen und können langfristig ebenfalls Karies erzeugen. Bei der Kariesentstehung spielt der Industriezucker eine zentrale Rolle, jedoch kann jede Form von raffinierten Kohlenhydraten (z.B. Ahornsirup) auch Karies erzeugen. Sind mehrere verschiedene raffinierte Kohlenhydrate in einem Nahrungsmittel enthalten, so summiert sich die zahnschädigende kariogene Wirkung .
Die Wirkung raffinierter Kohlenhydrate spielt bei der Kariesentstehung die entscheidende Rolle. Wird der Verzehr von raffinierten Kohlenhydraten eingestellt, fällt das Kariesrisiko deutlich ab. Dabei hat die konsequente Verbannung der Zuckerdose aus dem Haushalt nicht nur für die Zähne eine segensreiche Wirkung. Neben der offensichtlichen positiven gesundheitlichen Wirkung, findet sich der natürliche Geschmack wieder ein. Eine frischkostbetonte vegetarische Vollwerternährung ohne konzentrierte Kohlenhydrate, ist die Grundlage für eine wirksame Kariesprophylaxe. Das frische Obst mit seinem natürliche Gehalt an Zucker hat im Rahmen der Vollwerternährung keine kariogene Wirkung. Trockenfrüchte die durch den Wasserentzug eine große Konzentration von Fruchtzucker enthalten, können bei massiven Genuss Karies erzeugen und sollten keinesfalls kritiklos als Zuckeraustausch verwendet werden. Der gelegentliche Genuss ist unproblematisch. Wichtig ist eine generelle Umstellung des übermäßigen süßen Geschmacksempfindens und nicht die Suche nach einem Ersatz.

Parodontalerkrankungen – Zahnlockerung durch Gewebeverlust

Die Zahnwurzel ist über ein Fasersystem elastisch im Kieferknochen befestigt. Parodontalerkrankungen befallen diesen gesamten Zahnhalteapparat und nicht nur isoliert das oberflächliche Zahnfleisch. Häufig machen sich aber Beschwerden am Zahnfleisch zuerst bemerkbar.
Nach Verlaufsform und Entstehungsweise werden unterschiedliche Arten unterschieden. Die häufigste Erkrankungsform ist mit einen Anteil von 95% die Erwachsenenparodontitis. Diese Erkrankung tritt ab einem Lebensalter von ca. 30 Jahren auf und ist wie die Karies allgegenwärtig. 80 % aller Erwachsenen sind davon betroffen.
Die typische Erwachsenenparodontitis ist ein langsamer und schleichender Verlust des Zahnhalteapparates. Zu Beginn der Erkrankung sind kaum Beschwerden vorhanden. Im weiteren Verlauf kommt es jedoch zur Bildung von tiefen entzündeten Zahnfleischtaschen, dann zur Zahnlockerung und schließlich zum Zahnverlust. In den Abbildungen 2 und 3 ist deutlich an der Messsonde zu sehen wie tief diese Taschen sein können. Der Zahnhalteapparat einschließlich des Knochens hat sich in den Taschen aufgelöst. Parallel mit dem Fortschreiten der Erkrankung verschiebt sich die mikrobielle Mundflora. Ab einem bestimmten Grad ist eine vollständige Heilung und Regeneration der Gewebe nicht mehr möglich. Auf Grund der schleichenden Entstehung verläuft die Erkrankung am Anfang oft unbemerkt. Die Prophylaxe hat in diesem Fall ein besonderes Gewicht, da der Zahnhalteapparat analog zum Hausbau das Fundament darstellt. Die Ernährung hat einen großen Einfluss auf den Zustand des Zahnhalteapparates und ist neben der Mundhygiene eine wichtige Säule der Prophylaxe. In früheren Zeiten haben die Seefahrer auf Grund des Vitamin und Vitalstoffmangels Skorbut bekommen. Die Folge war unter anderem ein eine rascher Verlust der gelockerten Zähne. Dieser Vitamin- und Vitalstoffmangel tritt heute in entsprechend gemilderter Form auf. Mesotrophie nannte das Prof. Kollath. Durch eine nur halbwegs optimale Ernährung kommt es schleichend zu einem Vitamin- und Vitalstoffmangel. Diese Halbernährung hat über Jahre einen Einfluss auf den Gesundheitszustand des Körpers und der Zähne. In diesem Zusammenhang passt genau die „Regel der 20 Jahre“ von Cleave und Campbell. Alarmierend ist in diesem Zusammenhang, dass sich der allgemeine Gesundheitszustand inzwischen so verschlechtert hat, wodurch sich Fehler in der Ernährungs- und Lebensweise nicht erst nach 20 Jahren sondern schon viel früher zeigen.
Eine frischkostbetonte Vollwertkost oder Rohkost ist ein wirksames Mittel zur Vorbeugung eines Vitamin- und Vitalstoffmangels. Meine Erfahrungen in der Praxis bestätigen die Tatsache, dass durch diese Ernährung sowohl Karies als auch Parodontalerkrankungen vermieden werden können.

Zahn- und Kieferfehlstellungen

Das Gebiss braucht ca. 16 Jahre um sich auszubilden. Nicht zu vergessen die wichtige Zeit vor der Geburt. Form und Funktion gehen dabei Hand in Hand. Ein funktionstüchtiges Gebiss hat eine natürliche schöne Form. Der richtige funktionelle Gebrauch des Gebisses bedingt wiederum die natürlich schöne Form. Das fängt beim Säugling mit dem Stillen an. Unabhängig vom Wert der Muttermilch ist das Stillen eine wichtiger Reizfaktor für die optimale Ausformung der Kiefer. Mit dem Durchbruch der Zähne ist das Kauen der festen Nahrung als Wachstumsreiz für die Zahn- und Kieferentwicklung sehr wichtig. Nach Abschluss der Wachstumsphase erhält das gründliche Kauen die Funktion und die Strukturen des Kieferknochens, der Muskulatur und der Zähne. Gleichzeitig kann durch die Oberflächenvergrößerung der Nahrung der Speichel seine Wirkung optimal entfalten. Nicht das Kochen sondern gründliches Kauen und die Verdauungsenzyme schließen die Nahrung auf. Neben diesen funktionellen Aspekten hat die Ernährung einen großen Einfluss auf Zustand der Zähne und des Kiefers. Spätestens seit den Katzenfütterungsversuchen von Pottenger ist der Zusammenhang klar. Je denaturierter die Nahrung um so gravierender die Fehlstellungen. Aufschlussreich ist dabei die Tatsache, dass es nicht nur zu isolierten Fehlbildungen am Gebiss kommt, sondern der Körper in seiner Gesamtheit betroffen ist. Erschwerend kommt in diesem Fall hinzu, dass es mehrere Generationen braucht um diese Defekte auszugleichen. Angesichts der Tatsache, dass ein großer Teil der Jugend eine kieferorthopädische Behandlung benötigt, ist auch hier eine grundlegende Prophylaxe das Gebot der Stunde. Nicht zu unterschätzen ist im Kindesalter die Wirkung einer langfristigen Erkältung die mit verstopfter Nase und eingeschränkter Nasenatmung einhergeht. Jeder kennt das Bild. Die Nase ist zu und die Kinder Atmen mit offenen Mund. Durch den offenen Mund und die eingeschränkte Nasenatmung kann es allein durch die Wirkung des Wangendruckes zu einem schmalen engen Kiefer kommen. Der in diesem Lebensalter noch leicht formbare Kiefer wird wie ein Luftballon zusammengedrückt. Die Vermeidung wiederholter Erkältungen im Kindesalter mit der richtigen Ernährungs- und Lebensweise wirkt sich positiv auf die Ausformung der Kiefer aus. Wichtig ist bei der Entstehung von Fehlstellung den engen Zusammenhang von Funktion, Form und Ernährung zu erkennen.
Bereits eingetretene Fehlstellungen sind durch Ernährung allein nicht zu korrigieren. Eine vitalstoffreiche Vollwerternährung bzw. Rohkost unterstützt aber eine funktionell orientierte Therapie maßgeblich. Die Hauptwirkung der Vollwerternährung liegt in dem vorbeugenden Einfluss auf die nächsten Generationen. Sie ist auch für Erwachsene bedeutsam, da wir nicht nur für uns selbst, sondern auch für unseren Kinder bzw. Enkel Verantwortung tragen.

Ernährung – ein wichtiger Schlüssel zur Zahngesundheit

Gesundheit und gesunde Zähne sind das Ergebnis vieler Faktoren. Die Ernährung hat dabei eine entscheidende Bedeutung. Der Einfluss der üblichen Zivilisationskost ist deutlich am Gesundheitszustand der Zähne ablesbar. Eine Prophylaxe die nur isoliert auf den Zahn fixiert ist, bringt keinen anhaltenden Erfolg. Die im wahrsten Sinne des Wortes lückenhafte Zahngesundheit der Senioren spricht für sich.
Der Zustand der Zähne ist eng mit dem Gesundheitszustand des Körpers verbunden. Kranke Zähne können durch Komplikationen natürlich auch die allgemeine Gesundheit untergraben. An dieser Stelle darf aber nicht die einseitige Schlussfolgerung gezogen werden: Kranker Zahn bewirkt immer einen kranken Körper. Im Sinne einer ganzheitlichen Betrachtung sind erkrankte Zähne eine notwendige Begleiterscheinung des kranken Körpers und umgekehrt ist eine fehlende Zahngesundheit ein Zeichen für den mangelnde Körpergesundheit. Eine frischkostbetonte vitalstoffreiche Vollwert- bzw. Rohkosternährung ist eine wichtige Grundlage zur Vermeidung von Zahn- und Kiefererkrankungen.

*1
Im Jahre 2002 betrugen ( lt. Statistischen Bundesamt) die Krankheitskosten in Deutschland 223,6 Mrd. Euro und waren somit größer als die Steuereinnahmen des Bundes mit Rund 192 Mrd. Euro.

Dr. Thomas Schleinitz, Kascheler Str. 6, D-02694 Ruhethal, Tel. 035932-35307